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Jüdischer Friedhof Burgkunstadt. Nach jüdischer Ordnung dürfen Grabsteine nicht bewegt oder begradigt werden. Foto: BLfD
Jüdischer Friedhof Burgkunstadt, westlicher Teil mit Grabmälern des 19. und 20. Jahrhunderts. Typisch sind die geneigten Grabsteine, die sich im Laufe der Zeit auf natürliche Weise in alle Himmelsrichtungen neigen können. Nach jüdischer Ordnung dürfen Grabsteine nicht bewegt oder begradigt werden. Foto: BLfD

Schäden durch Schändungen – Projekt: Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern, 2

Jüdische Friedhöfe sind bedeutende Zeugnisse unserer Geschichte. Sie wirken durch ihre Lage oft malerisch auf uns. Doch angesichts der fortschreitenden Verwitterung der Grabmäler, die mit einem Verlust der Grabinschriften einhergeht, bleibt kein Raum für Idylle. Der Zahn der Zeit, Wind und Wetter haben den erhaltenen jüdischen Friedhöfen und ihren Grabsteinen schwer zugesetzt. Sie leiden auch unter mutwilliger Zerstörung, besonders aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ein neues Projekt soll das dokumentieren.

Auf dem jüdischen Friedhof in Wallerstein (Ries) gab es einst 3.000 Grabsteine – heute stehen dort nur noch 300. „Das ist ein immenser Verlust“, bedauert Susanne Klemm, beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) zuständig für die Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern. Sie betreut das Projekt „Erfassung jüdischer Grabmäler in Bayern“, bei dem eine Erfassung sämtlicher Friedhöfe vorgenommen wird, um den Bestand an Grabmälern zumindest virtuell zu sichern.

„Zumindest“, weil die Verwitterung der Steine nicht vollständig aufgehalten werden kann. Die Grabsteine sind Wind und Wetter ausgesetzt. Frost wirkt ein und führt dazu, dass die Grabsteine stark verwittern. Dazu kommen unwiederbringliche  Verluste von Grabsteinen durch mutwillige Zerstörung und bewusster Schändung. In einem Online-Vortrag, in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule München, klärte Susanne Klemm die Zuhörer über jüdische Friedhöfe in Bayern und das Projekt des Landesamtes auf und erläuterte die verschiednen Formen und Ursachen der Schäden.

Die Kräfte der Natur

Es gibt verschiedenste Verwitterungsformen. Klemm zeigt einen Grabstein mit durch Feuchtigkeit aufgeworfenen Blasen.  Die Beschriftung witterte im Laufe der Jahrhunderte oft komplett dadurch ab. „Wenn wir heute sehen, dass ein Friedhof beispielsweise eintausend Grabsteine hat, dann können wir davon ausgehen, dass es deutlich mehr Bestattungen dort gibt, etwa dreitausend; also ein Vielfaches der Anzahl der Grabsteine“, so Klemm.

„Die jüdischen Friedhöfe sind zum Großteil von Bäumen bestanden, was wir unglücklich finden, denn es ist sehr schädlich für die Grabmäler.“ Die Bäume haben die Auswirkung, dass sich vermehrt Moose und Flechten auf den Grabmalen ansiedeln. „Auch wenn man die Flechten bei einer Restaurierung entfernt, bleiben graue Flecken zurück, beispielsweise auf Marmor.“ Klemm zeigt einen ergrauten Grabstein in Form eines aufgeschlagenen Buches aus ehemalig weißem Marmor. „Das ist wirklich bedauerlich, weil man es kaum rückgängig machen kann.“ 

Ein anderes sehr häufiges Schadensbild ist die starke Neigung von Grabmälern, die in alle Himmelsrichtungen weisen können; die im Extremfall auch zum Umstürzen führen kann. „Die israelitische Kultusgemeinde reagiert meist sehr schnell, wenn wir melden, da ist ein Grabstein geneigt, dann wird der sehr schnell wieder aufgerichtet.“

Die Kräfte des Bösen

„Wir haben bedauerlicherweise auch immense Schäden durch Schändungen“, erläutert Klemm. Im Zuge der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 sind in Bayern viele Friedhöfe geschändet worden – und in den Wochen und Monaten danach. In einigen Fällen fand es noch in den 1940er-Jahren statt. 

„Die Nazis sind oft mit Äxten oder Spitzhacken auf den Friedhof gezogen und haben die Inschriftentafeln zerstört“, erzählt die Historikerin. „Man wollte die Erinnerung an die Namen und damit an die Personen auslöschen.“ Die Grabsteine wurden bei solchen Schändungen häufig auch vom Sockel gestürzt und zerbrachen dabei.  

Schändungen sind seit dem Mittelalter bekannt und werden schon in einer Papstbulle des 13. Jahrhunderts genannt. In der Zeit des Nationalsozialismus waren sie besonders massiv. „Es wurden ganze Friedhöfe abgeräumt und die Grabsteine für den Straßenbau verwendet.“ Als Beispiele nennt sie Baiersdorf, Lichtenfels und Gunzenhausen.   

„Wir sehen immer wieder, dass in Folge der Schändungen Grabsteine um 180 Grad verdreht auf den Sockel aufgesetzt worden sind. Denn die Inschrift muss nach Vorschrift nach Osten zeigen. Nach dem Krieg waren die Friedhöfe verwaist, die Friedhöfe sollten auf Geheiß der amerikanischen Militärregierung aufgeräumt werden. Die Grabsteine wurden wieder auf die Sockel gestellt – aber manchmal mit der hebräischen Inschrift nach Westen. Ein Schadensbild, das dem Laien nicht auffällt. Ähnlich verhält es sich mit diesem Schadensbild: Im Zuge der Aufräumarbeiten wurden Bauteile von Grabsteinen zusammengefügt, die nicht zusammengehören. „Wenn die Inschriften nicht mit den Grabmälern zusammengehören oder Grabmalteile nicht zusammenpassen, dann ist das eine schwere Schädigung.“ 

Ein Friedhof wurde in den 1950er-Jahren auf besondere Weise geschändet, weiß Klemm. Der Friedhofsverwalter verkaufte alle Grabsteine. Sie dämmerten in einer Lagerhalle vor sich hin. In den 1970er-Jahren wurde die die Grabsteine wieder aufgestellt. Sie stehen nun aber ohne Bezug zu der Begräbnisstätte, zu der sie eigentlich gehören. „Auch das ist ein Schaden, der auf den ersten Blick nicht sichtbar ist, aber der gravierend ist, denn die Friedhöfe werden heute noch von den Nachfahren der dort bestatteten Menschen besucht. Sie wollen ein Gebet am Grab ihres Urgroßvaters sprechen und stehen dann vor einer Grabstele, die getrennt vom Grab des Ahnen irgendwo steht.“

„Die Schändungen sind insgesamt so massiv, dass wir ein eigenes Forschungsprojekt veranlasst haben“, sagt Klemm. Es wurde das Unterprojekt „Net Olam – jüdische Friedhöfe im Fokus von Antisemitismus und Prävention“ gegründet. Net Olam ist ein Akronym aus network und bet olam (Friedhof). Es soll deutschlandweit ein Netzwerk aufgebaut werden aus Hauptamtlichen, Forschern und Ehrenamtlichen, die sich der Erforschung und Pflege jüdischer Friedhöfe verschrieben haben.

Im BLfD arbeitet Elisabeth Singer-Brehm an der historischen Erforschung der Schändungen jüdischer Friedhöfe. „Wir wollen die Anzahl der jüdischen Grabsteine in Bayern vor der Schändung ermitteln und gehen Fragen nach: Welche Schändungen lassen sich überhaupt feststellen? Gibt es ein Datum und ein politisches Ereignis dafür? Das könnten Reichspogromnacht, Hitlers Geburtstag oder publizistische Aktionen sein. Wurden diese Ereignisse verfolgt? Wurden die Täter bestraft, welche Motive haben sie angetrieben? Und schließlich, wie geht man mit den Folgen der Schändungen um?“, so abschließend Klemm.