Neuer Durckblick – oder Widerschein des Schreckens?

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Susanne Borée Editorial in der Frühlingshoffnung

Editorial von Susanne Borée im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Fenster putzen, um neuen Durchblick zu bekommen! Das scheint die Frühlingssonne gerade zu fordern. Das Licht wird intensiver: Es zeigt neue Perspektiven auf. Die Spuren des Winters an den Glasscheiben. Oder den alten Staub in übersehenen Ecken, die bisher im Ungewissen entschwanden. 

Selbst unsere bedrohte Welt-lage tritt deutlicher aus den Schatten hervor, als wir es uns gewünscht hätten. Die Gewalt in der Ukraine zeigt unsere ganze Hilflosigkeit. Siegt die Unverschämtheit – und reißt uns in unabsehbare Abgründe hinein?

Bevor ich meinen Putzlappen heraussuchen konnte, verbreitet selbst der Himmel Untergangsstimmung: Saharastaub färbte das Licht gelblich-braun – fast wie auf dem Mars. Gut, dass die Fenster noch nicht gesäubert waren!

Die anschließenden Regengüsse weichten wieder die Äcker und Feldwege auf. Schon die vergangenen Wochen haben hier deutliche Spuren hinterlassen: Hoffentlich können die Böden noch kostbares Nass speichern, bevor die Zeit der Dürre beginnt! 

Kurz darauf wieder strahlende Frühlingssonne, die die Abenddämmerung dramatisch einfärbte – fast ein Widerschein der Kämpfe, nur dass sie nicht im Westen Wirklichkeit sind. Doch die Sehnsucht, den Geruch der Erde wieder neu zu spüren, trieb mich weit über die befestigten Straßen hinaus. Die Pfade waren zu wenig befestigt. Schwere Reifen haben Narben hinterlassen, die sich als zu trügerisch erwiesen, um Halt zu bieten. 

Gleichzeitig öffnen sich neben den Krokussen nun bereits die Osterglocken in einem eisigen Wind. An unzähligen Büschen bereiten sich Knospen auf ihren Durchbruch vor. Das Leben beginnt seinen Kreislauf neu – und nur anderthalb tausend Kilometer weiter östlich so viel Hass und Zerstörung!

Merkwürdig, die Sehnsucht nach dem Streicheln der lauen Luft auf den Armen und im Gesicht, während das Ahnen des Frühlings viel zu früh begann und um uns herum die Welt im Fieber liegt. Warum nicht die kurze Wärme der sanften Farben genießen?

Es ist zu verständlich, wenn wir uns danach sehnen, dem Winter vor der Zeit davonzulaufen. Selbst das Wetter und das Licht dieser Tage fordert neue Perspektiven. Natürlich macht uns jeder warme Tag vom Heizen ein wenig unabhängiger. Hoffentlich bricht sich der Frühling dennoch zur rechten Zeit Bahn und nicht wieder zu früh im Lauf des Jahres!