Krieg weckt Schreckensbilder

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

 

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

„Ich dachte, ich hätte alles weit weggepackt. Aber nun ist alles wieder so nah. Es kommt wieder hoch und holt mich ein. Wie das damals war. Im Krieg. Bei der Vertreibung. Wie viel Angst ich damals hatte“, so erzählt es mir eine Seniorin am Telefon. Sie ist nicht die Einzige. Viele Menschen, die um die Zeit des 2. Weltkrieges geboren wurden, erinnern sich dieser Tage zurück. 

Bei den meisten verschwimmt die Realität mit vagen Erinnerungen. Die Nachrichten und Bilder des Krieges zwischen Russland und der Ukraine nehmen uns alle mit. Vielleicht wirkt es aber auf eine besondere Weise auf die über 80-Jährigen. Sie fühlen sich wieder in die Kindheit im Weltkrieg versetzt.

Das Heulen der Sirenen lässt sie wieder selbst in Bunker fliehen. Sie sehen Gebäude vor ihrem inneren Auge, die eben noch schön und bewohnt waren und Stunden später Schutt und Asche sind. „Jetzt habe ich kein Zuhause mehr“, hört eine Seniorin immer noch ihre Mutter im Ohr, die vor dem einst schönen Hof der eigenen Eltern stand. Kein Stein stand mehr auf dem anderen. Für die damals Dreijährige ein Abenteuerspielplatz. Für die Mutter eine Tragödie. 

Viele Bilder kommen durch die Kriegsberichterstattung hoch. Und mit ihnen die Erinnerung auch an damalige Kindersorgen: Wer wird mir in Zukunft Kränze aus Löwenzahn und Gänseblümchen binden, wenn die Freundin plötzlich „abgeholt“ wurde? Was wird aus den Hühnern, die man in der Heimat zurücklassen musste? 

Es scheint wenig zu nützen, wenn sich diese Menschen sagen: „Ich bin jetzt alt. Das ist lange her. Ich bin nicht mehr dieses Kind.“

Gefühle verschwinden nicht. Gut weggepackte Erinnerungen vergehen nicht. Manche wollen nicht darüber reden. Das sollte res-pektiert werden. Andere möchten sich den Kummer und das Unrecht von der Seele reden. Auch das darf sein. 

Vielleicht reicht es, wenn wir – die Jüngeren – zuhören. Vielleicht ist es hilfreich, wenn man sanft daran erinnert, dass sie nicht mehr die Kinder dieser schrecklichen Zeit sind. Vielleicht fragen wir auch einmal nach, was in diesem Momenten gut tun könnte. Wir sind Zeugen einer Erinnerungskultur. 

Wir alle können diesen schrecklichen Krieg nicht verhindern. Jeder von uns hat es allerdings in seiner Hand, den Frieden  mit seinem Nächsten zu wahren und so in die Welt zu tragen. 

Redaktionsschluss am 7. März.