Unsere Zuversicht und unsere Stärke

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt von Wolfgang Buck

Die Andacht zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums, sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Jeremia 9,22–23

Ja! Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit gefallen dem HERRN. Und uns auch! „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ So heißt es im Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Welch großartige Errungenschaft! Sie fußt auch auf dem jüdischen Glauben an den barmherzigen und gerechten Gott. Aber sie musste über die Jahrhunderte gegen Despoten und Diktatoren, gegen die Folterknechte der Mächtigen erkämpft werden, und oft genug leider auch gegen die Kirche, gegen Bischöfe und Theologen. 

Was hätten im Mittelalter die angeblichen Hexen auf den Scheiterhaufen der Inquisition für einen modernen rechtsstaatlichen Prozess gegeben! Und was würden heute die Frauen und Kinder in den syrischen Flüchtlingscamps dafür ge-ben! Recht und Gerechtigkeit gegenüber einem völkermörderischen Diktator und seinen internationalen Bündnispartnern, die sich achselzuckend abwenden vor den in Zelten hausenden Menschen. 

Es rührt unsere Herzen an, dass diese Barmherzigkeit, dieses Recht, diese Gerechtigkeit, von der Jeremia spricht, in vielen Gegenden der Welt noch eine so seltene Ware ist. Es ist zum Verzweifeln. Kinder, Frauen und Männer als Verfügungsmasse der Mächtigen. 

Umso erschütternder und unverständlicher, wie in den letzten Monaten immer mehr Menschen bei Umfragen angeben, dass die Staatsform der Demokratie für sie verzichtbar sei. Dass freie Presse, unabhängige Justiz, ein in freien und geheimen Wahlen gewähltes Parlament für sie eine Art Verfügungsmasse ist. Dass sie bei Widerspruch gegen die eigene Meinung sofort „Diktatur“ schreien, ohne im Entferntesten zur Kenntnis zu nehmen, wie es in realen Diktaturen zugeht.

Es geht dem Glauben sehr wohl um solch irdische Dinge wie Rechtsstaatlichkeit. Sonst würde Jeremia nicht davon reden, dass der HERR seine Barmherzigkeit, sein Recht und seine Gerechtigkeit „auf Erden“ ausübt. Und dass ihm solches auch noch „gefällt“. 

Nur allzu schnell fordern einige auch von uns, der Kirche, dass wir uns mehr um die himmlischen Dinge kümmern sollten. Als ob es nicht um den Gott des Himmels und der Erde gehen würde. Als ob wir es nicht beten würden: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Als ob persönliche Erbauung und der Einsatz für das, was Gott gefällt, nämlich Gerechtigkeit, voneinander abtrennbar sein könnten und man das eine ohne das andere haben könnte. „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“, sagte Dietrich Bonhoeffer.

Wer reich ist, kann sich Schutz kaufen – Alarmanlagen, Sicherheitspersonal, hohe Mauern. Wer mächtig ist, kann sein Recht oder sein Unrecht durchsetzen, mit Waffen, Drohungen oder Beziehungen. Wer clever ist, biegt das Recht so lange, bis es passt. Wie wunderbar aber und des Rühmens würdig, wenn Arme, Schutzlose oder Machtlose ihr Recht finden! Diese Frage darf uns deshalb als Christen nicht gleichgültig lassen. Und wir wissen nur allzu gut, dass auch wir sehr häufig über unsere eigene Machtlosigkeit verzweifeln könnten, dass aber dieser barmherzige und gerechte Gott unsere Zuversicht und unsere Stärke ist. 

Wolfgang Buck, Dialektischer Songkünstler, Walsdorf

Lied 428: Komm in unsre stolze Welt