Das Geheimnis Gottes

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über großartige Worte

Die Andacht zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: Brüder und Schwestern, ich bin damals zu euch gekommen, um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. Ich bin aber nicht mit großartigen Worten oder mit Weisheit aufgetreten. Denn ich hatte beschlossen, bei euch nur über eines zu reden: Ich verkünde euch Jesus Christus, der am Kreuz gestorben ist. Als schwacher Mensch trat ich vor euch und zitterte innerlich vor Angst. Meine Rede und meine Verkündigung sollten euch nicht durch ihre Weisheit überreden. Vielmehr sollte in ihnen Gottes Geist und Kraft zur Geltung kommen. Denn euer Glaube sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen, sondern aus der Kraft Gottes.

1. Korinther, 2,1–5

„Großartige Worte“ hatten manche erwartet: Worte, die eine tiefe Ahnung geben vom großen Zusammenhang, in dem ein Menschenleben eingebettet ist. Solche Weisheit bringt Glanz in den Alltag. Und diese Weisheit soll durch sein Reden und Auftreten zum Strahlen kommen, soll ins Herz einleuchten und den Verstand überzeugen. So  hatte man erhofft: Paulus würde Worte finden, die Nachdruck und Kraft haben und eine gute Richtung geben für die Lebensführung.

Paulus kennt die Sehnsucht. Aber die Erwartungen will er nicht erfüllen. Er muss bei Jesus anfangen, beim Gekreuzigten: „Ich verkünde euch Jesus Christus, der am Kreuz gestorben ist“, schreibt er. Ganz unten im menschlichen Dasein fängt Paulus an. Dort richten Schuld und Versagen maßloses Leid und Unheil an. Dort muss man nach Gott tasten, auf ihn hoffen: „Nicht mit großartigen Worten oder mit Weisheit“. Den Gekreuzigten vor Augen ist Paulus überzeugt: Gott ist da, er geht hinein ins Dunkel, seine Liebe trägt Schuld und Unheil, hält aus. So überzeugt seine Botschaft, so kommen „Gottes Geist und Kraft zur Geltung“.

Paulus weiß vermutlich, dass manche nun den Kopf schütteln und sich abwenden werden. Später, wenn er beim Gekreuzigten angefangen hat, wenn dort der Grund für das Vertrauen auf Gott liegt, später wird er auch von Gottes Weisheit reden: Unbegreiflich und überwältigend ist sie. Die, die von Gottes Liebe erfasst sind, können sie ahnen.  

Die Pfarrerin sitzt in der kleinen Wohnküche des Witwers. Einige Wochen ist es her, dass er seine Ehefrau bestatten musste. Und seine Trauer braucht Zeit. Die Pfarrerin hält aus, dass immer wieder die Tränen kommen. Sie ist still, wenn er  beweint, was er versäumt habe. „Sie dürfen doch traurig sein“, beschwichtigt sie, wenn er sich selbst anklagt, dass er sich in der Trauer so gehen lasse. „Darf ich mit ihnen beten“, fragt sie – und sie betet das Vaterunser: … „vergib uns unsere Schuld“ … „erlöse uns …“. Sie schweigen miteinander. Als er sagt, dass er friere, gibt sie ihm die Decke, die bereit liegt. Dann klingelt es an der Tür. Die Schwester des Witwers kommt vorbei und bringt ein warmes Abendessen. Die Pfarrerin legt dem Mann noch ein kleines, etwas abgerundetes Holzkreuz auf den Tisch: „An dem kleinen Kreuz kann man sich festhalten …“ „Danke, dass Sie gekommen sind“, antwortet er.  „Es wird schon.“

Auf dem Heimweg ruft sich die Pfarrerin die Eindrücke der Begegnung ins Gedächtnis. Sie hält für einen Moment inne und betet. Sie bittet um Gottes Geist und Kraft für den Mann und seine Schwester, sie betet für die verstorbene Ehefrau. Für sich selbst bittet sie um Verbindung zur unbegreiflichen Weisheit Gottes. Sie möchte von ihr getragen sein. Gott hat es denen versprochen, die von seiner Liebe ergriffen sind.  

Dekan Volker Pröbstl, Selb