O Heiland reiß die Himmel auf!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum 1. Advent

Die Andacht zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Jesaja 63, 15–64, 3

O Heiland reiß die Himmel auf!“  singen wir im Advent und erleben doch, dass Sorgen und Ängste gerade wie dichte Nebelschwaden auf den Menschen liegen. Wie kann da adventliche Stimmung aufkommen?  Trotzdem, dies sind doch ganz besondere Wochen mit vertrauten Ritualen, bekannten Liedern, mit dieser besonderen Vorfreude. Warum sollte der Advent denn heuer nicht die Welt in einem Licht strahlen lassen, das vom Kommen Gottes kündet? Aber ausgerechnet da, wo Vertrauen und Freuen schon schwerfällt, kommt die Rede des Propheten Jesaja wie ein heftiger Sturm über uns. Fast möchte ich mich schützend vor die beiden brennenden Kerzen am Adventskranz stellen, dass sie unter der verstörenden Gewalt dieser Worte nicht verlöschen. 

Gesprochen wird dieses Gebet vom Volk Israel am Tiefpunkt seiner Beziehung zu Gott. Unbarmherzig brechen in dieser Not die Worte hervor, als Anklage gegen sich selbst – und gegen Gott! Das Vertrauen, dass beides zusammengehört, ist brüchig geworden, die Beziehung hängt so eben noch am seidenen Faden. Man spürt die unendliche Verlorenheit derer, die sich von Gott verlassen fühlen. Aber man spürt erst recht die brennende Sehnsucht, dass es wieder anders werden soll. Da ist die Hoffnung, dass Gott den Himmel mit Macht aufreißt und sich zeigt. 

Es ist nicht leicht, diese leidenschaftlichen Worte an sich heranzulassen. Trotzdem passt doch solch ein Gebet jetzt in unseren Advent. Es trifft auch bei uns einen Nerv. Sind wir als Gottesvolk mit unserer Kirche auch geworden wie solche, über die Gott niemals herrschte, wie Leute, über die sein Name nie genannt wurde? Wollen wir uns selbst und unsere Beziehung zu Gott in solch schonungslos harsches Licht stellen? Unter verhangenem Stimmungshimmel brauchen wir neuen Wind. Hier und jetzt ist die Zeit für mehr – dafür, das Unerwartete zu erwarten, das Unerhörte zu hören, das Unglaubliche zu glauben! 

Hier und jetzt ist die Zeit auf Gott zu sehen, der wohltut und uns entgegenkommt. Denn das ist Advent. Das heißt es, im Advent die Welt in ein eigenes Licht zu rücken. Mut brauchen wir dazu und Gottvertrauen. Dann kann, dann wird unser Heiland kommen und den Himmel aufreißen.

Ursula Brecht, Dekanin, Neustadt/Aisch