Verhilft der Herbst zum Loslassen?

94
Inge Wollschläger Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Das Editorial zum Hören:

Und zum Nachlesen:

 

Es säuselt leise in den Bäumen. Fast könnte man sich hier im Wald fühlen wie Elias, als Gott, der Herr im stillen, sanften Sausen an ihm vorüber ging. Vielleicht ist in diesem Säuseln auch der Herr zu finden – vor allem aber ist es Herbst mit seinen Winden und Stürmen. Da weht und windet, säuselt und raschelt es und steh ich unter den Bäumen und sehe all die bunten Blätter tanzen und zu Boden trudeln. Ganz leicht scheint es ihnen zu fallen. Als würden sie ihren letzten Tanz genießen. In allen Farben wirbeln sie um mich herum. 

Jedes Jahr aufs Neue bin ich fasziniert, wie scheinbar mühelos und unfassbar schön die Natur mir die Geschichte vom Loslassen vorlebt. Werden und vergehen, sich lösen, Ballast abwerfen. Und ich?

Ich überlege, dass die mir zu eng gewordenen Bluse vielleicht wieder nächstes Jahr passen könnte und hänge sie zurück. Ich verschließe meine Augen vor den verletzenden Marotten von Menschen, die mir nicht guttun. Ein offenes Wort jedoch könnte einen fragilen Frieden gefährden und dann? Ich tuppere den letzten Rest einer Suppe ein, obwohl ich weiß, dass ihn morgen keiner mehr essen mag. Schließlich bin ich mit den Glaubensätzen groß geworden, dass man Lebensmittel nicht einfach so wegwerfen darf: „Denk an die Nachkriegszeit und wie wir da nichts hatten! Denk an die hungernden Kinder im Jemen!“

Nein. Ich bin keine Leuchte im Loslassen. Ganz anders als die Blätter im Wald und überhaupt die Natur im Herbst, die loslässt, aussortiert und sich zur Ruhe begibt. Sie tut es mit einer Hingabe, die mich anrührt. Sie kennt keinen Mangel und weiß: Im kommenden Jahr – wenn Gott will und wir  alle Leben – geht alles wieder von vorne los. Keine Baum der Welt macht sich Gedanken, was er derzeit im Begriff ist, zu verlieren. 

Während ich ein wunderschönes, rotes Ahornblatt aufhebe und bewundere, wird im nächsten Jahr ein ebenso schönes, neues Blatt am Baum hängen. Im Frühjahr werde ich unter diesem Baum stehen und mich wundern, woher  und wie auf einmal unfassbar viel Schönheit entstanden ist. 

Nichts vergeht für immer. 

Manches scheint lediglich Form und Gestalt zu ändern. Blusen, Suppen und Menschen dürfen losgelassen werden: Gott wird in unserem Leben immer für uns sorgen, wenn wir im Vertrauen bleiben.