Gott lässt sich nicht besitzen, aber erfahren

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Mouhanad Khorchide und Walter Homolka im Dialog über
Detail des Buchcovers: Mouhanad Khorchide und Walter Homolka

Das Nebeneinander der Religionen als Bereicherung des Lebens und des eigenen Weges

Der Untertitel hat es in sich: „Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen“: Sind nicht gerade Muslime eine besondere Bedrohung für das christliche Abendland – und zwar schon seit 500 Jahren, seitdem die Türken vor Wien standen? Genau mit diesem historischen Ereignis beginnen die beiden Autoren ihren Überblick.

In einem ganz besonderen Dialog entstand dies Buch: Rabbiner Walter Homolka und Mouhanad Khorchide, der in Münster zukünftige islamische Religionslehrende ausbildet, haben es zusammen verfasst. Gerade die Tatsache, dass zwei Theologen dieser beiden Religionen solch ein Buch zusammen verfasst haben, macht es bemerkenswert.

Doch halt: Vertreten sie wirklich verfeindete Religionen? Oder entstand diese Vorstellung erst vor wenigen Jahrzehnten in Konkurrenz um die Gebiete, die den heutigen Staat Israel ausmachen? „Der Nahostkonflikt ist aber nicht primär eine religiöse Frage – und wir setzen dagegen die Jahrhunderte der Beziehungen zwischen Juden und Muslimen“, setzt Homolka dagegen. Nach Lektüre des Buches stellte ich beiden Autoren für das Evangelische Sonntagsblatt ergänzende Fragen.

Homolka beschreibt auf Nachfrage, wie er mit Khorchide zehn Jahre lang abwechselnd für eine Kolumne in der Zeitung „Die Furche“ geschrieben habe. „Da lag es nahe, unsere Gedanken auch einmal in einem gemeinsamen Buch breiter auszufalten. Der Anlass ist klar: Querdenker, Populismus, ein Erstarken des Fundamentalismus gefährden unsere Gesellschaft und ihre gedeihliche Pluralisierung. Hier wollten wir einen Zwischenruf setzen.“

Enge Verbindung zwischen Judentum und Islam

Walter Homolka betont im Buch die enge Verbindung zum Islam, der dem Judentum besonders nahe stehe. Der Glaube an einen Gott steht bei beiden Religionen im Mittelpunkt, die enge Verbindung zu Noah, Moses und vor allem zu Abraham ebenso. Dessen zwei Söhne Ismael und Isaak hätten sich am Ende versöhnt.

Zwar gäbe es im Koran ganz unterschiedliche Äußerungen zum Judentum, ergänzt Khorchide im Buch „Umdenken!“, aber zunächst hätte sich Mohammed um Verständigung bemüht. Erst die zunehmenden Konflikte hätten ihren Widerhall in judenkritischen Äußerungen gefunden. Auch zu einem oft behaupteten persönlichen Problem Mohammeds mit Juden oder zu Gewalttaten gegenüber ihnen fänden sich keine belastbaren Hinweise, auch nicht in jüdischen Quellen.

Schweres Nebeneinander von Judentum und Christentum

Im Gegensatz dazu sei es im Abendland deutlich schwieriger gewesen, zu einem Nebeneinander der Religionen oder auch nur der Konfessionen zu finden, so präzisiert Homolka seinen historischen Überblick für das Sonntagsblatt. Nach dem konfessionellen Zeitalter befand sich die abendländische Gesellschaft „nicht auf dem Weg zur Pluralisierung“, sondern sie hat „lange ein Nebeneinander zweier Konfessionen organisiert, ohne die Frage der Anerkennung des jeweils Anderen zu lösen.“ 

Es war lediglich eine Glaubensgemeinschaft in einem Herrschaftsgebiet denkbar. Da war dann schon einmal kein Platz für Juden. „Entscheidend ist die Analyse, dass Pluralismus nicht einfach eine Addition ist, wo etwas Neues zu einem Bestehenden hinzukommt. Pluralisierung verändert alle. Hier erleben wir in unserer Gesellschaft stärker werdende Spannungen“, fügt er hinzu.

Das Judentum versuchte im 19. Jahrhundert, „in die Gesellschaft der deutschen Staaten“ einzutreten. Dies wiederhole sich nun für den Islam. Dazu sei die Frage wichtig, „in welcher Gesellschaft in Deutschland wir uns finden auf dem Weg von einer christlichen zu einer pluralen Gesellschaft“, ergänzt Homolka. Für ihn kommt dem Staat die Rolle „als Garant eines neutralen Raums“ zu. Schwächere Persönlichkeiten hätten Probleme mit dieser Herausforderung. Es bestehe die Gefahr, dass sie zurückkehren zu Fundamentalismus und Populismus als „Rekonstruktionen des bereits unwiederbringlich Verlorenen.“ So ergänzt Homolka. 

Verantwortung der Religionen in der Welt

Diesen Faden der „Bejahung von Vielfalt“ nimmt Mouhanad Khorchide im Buch auf, „die im Anderen nicht das verunsichernde Fremde sehen, sondern das Neue, das uns neugierig macht. Das ruft uns alle gerade dazu auf, uns mit dem eigenen Ich und dem eigenen Wir auseinanderzusetzen.“  

Khorchide ergänzt: „Wenn wir Muslime also den Anspruch stellen, der Islam solle zu Europa gehören dann müssen wir ihn so auslegen und praktizieren, dass Europa auch zu ihm gehört. Das bedeutet aber, dass wir weniger über Identitäten und viel mehr über Werte reden sollten.“ Viele Muslime sähen sich als Vertreter einer benachteiligten Minderheit – unabhängig davon, ob sie selbst von Diskriminierungen betroffen seien. Sie forderten vom Abendland Pluralität, hätten aber teils selbst Schwierigkeiten damit, dies auch Frauen oder innermuslimischen Minderheiten zuzugestehen. 

„Darüber hinaus eint die drei monotheistischen Religionen der Glaube an einen liebenden und barmherzigen Gott, der dem Menschen bedingungslos zugewandt ist, aber auch der Glaube an den Menschen als von Gott gewürdigtes selbstbestimmtes Subjekt.“ Er rufe uns auf „uns in Liebe zu begegnen“ und füreinander Verantwortung zu übernehmen, erklärt er.

„Die Erzählung des Propheten Mohammed wonach Gott im Jenseits rufen wird: ‚Ich war krank und du hast mich nicht besucht, ich war hungrig und du hast mir nichts zu essen gegeben, und ich war durstig und du hast mir nichts zu trinken gegeben. Hättest du den Kranken besucht wärst du mir dort begegnet…‘ erinnert an das Matthäus-Evangelium 25, das unterstreicht: ‚Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘.“ Verantwortung für andere setze aber voraus, Glaube im Islam als Geschehen der Liebe zu verstehen. „Viele Muslime praktizieren den Islam allerdings als reine Gesetzesreligion“, meint Khorchide gegenüber dem Sonntagsblatt.

Wie das Judentum kritisiere der Koran „die Vereinnahmung Gottes durch eine bestimmte Religionsgemeinschaft, ich muss aber selbstkritisch sagen, dass der Heilsexklusivismus heute innerhalb der islamischen Theologie stark vertreten ist. Das ist eine Position, die im Islam überwunden werden muss“, so Khorchide 

Gott kann nicht als „absolute Wahrheit“ erfahren werden, dazu ist er zu unerreichbar. Menschen können sich ihm nur annähern. Wer behauptet, ihn erreicht zu haben, begeht den Fehler, „Gott begriffen und den alleinigen Anspruch auf ihn zu haben“, so Khorchide. Sich davon zu lösen, bedeutet keine Abwertung des eigenen Weges, sondern die Erkenntnis, „dass mein Weg zu Gott ein richtiger ist, aber nicht der einzige richtige.“ Susanne Borée

Mouhanad Khorchide und Walter Homolka:  Umdenken! Wie Islam und Judentum unsere Gesellschaft besser machen. Herder 2021, 192 S., 22 Euro ISBN 978-3-451-37625-2. 

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