Vorgezogenes Pogrom in Unterfranken

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Links die ehemalige Synagoge in Willmars, rechts das frühere Pfarrhaus. Direkt hinter den Gebäuden, die in der Mitte zu sehen sind, wohnte Familie Strauß.
Links die ehemalige Synagoge in Willmars, rechts das frühere Pfarrhaus. Direkt hinter den Gebäuden, die in der Mitte zu sehen sind, wohnte Familie Strauß. Foto: Gronauer

Zum Abschluss der Synagogen-Gedenkbände berichtet der Mit-Autor Gerhard Gronauer

Es war schon dunkel und kalt, als ein 52-Jähriger schnellen Schrittes durch den Wald ging. Das Überschreiten der Grenze von Bayern nach Thüringen gab ihm ein erstes Gefühl der Sicherheit. Hauptsache weg von dem Ort, in dem an diesem Herbsttag Schreckliches geschah. Der Mann mit Namen Max Strauß wollte zu Bekannten nach Meiningen und diese darauf vorbereiten, dass seine Familie noch in dieser Nacht dort unterkommen müsste. Mit etwas Verzögerung machte sich seine Frau Paula mit den Kindern auf den Weg. Es blieb keine Zeit zum langen Anziehen. Die Kinder rannten in Pantoffeln nach draußen.

Denn nebenan vor der Synagoge spitzte sich die Lage dramatisch zu. Beobachtet von hundert Schaulustigen schlugen die Nazis auf jüdische Männer ein und zwangen sie mit demütigenden Rufen, den Toraschrein und die Einrichtungsgegenstände des Gotteshauses abzubauen und sie samt Ritualien auf der Straße aufzutürmen. 

Einziges Heil nur durch Flucht

Die SA-Männer, die die Juden drangsalierten, fügten ihnen Verletzungen, sogar Rippenbrüche zu. Frauen aus der Menge feuerten die Schläger an: „Nur feste drauf, auf die Stinker, die Verrecker.“ Einer der Umherstehenden merkte, dass bei den Juden, die ihre eigene Synagoge zerstören mussten, der in seinen Augen schlimmste und „größte“ fehlte: Max Strauß. 

Der hatte gut daran getan zu fliehen. Es war am späten Nachmittag gewesen, als eine befreundete Frau sein Haus betreten und ihm aufgeregt mitgeteilt hatte: „Es stehen so viele Leute auf der Straße vor der Synagoge.“ Strauß eilte nach draußen und hörte von Passanten, dass man im Gasthaus beschlossen habe, heute Juden totzuschlagen. Eine Nachbarsfrau zeigte erregt auf Strauß und rief dem Mob zu: „Da drüben steht der Jüd!“ Das war zu viel für Strauß. Er sagte seiner Paula Bescheid und machte sich ohne weiteres Zögern auf den Weg durch die Wälder.

So verlief ein Abend des Jahres 1938 für den jüdischen Metzger Max Strauß (1886−1974) aus Willmars, einem unterfränkischen Dorf, das direkt an Thüringen grenzt und heute im Landkreis Rhön-Grabfeld liegt. Doch während die deutschlandweiten Pogrome am 9. und 10. November stattfanden, entlud sich hier der Hass auf alles Jüdische schon einige Wochen vorher, am 8. Oktober.

Projekt abgeschlossen

Das Schicksal der Familie Strauß und die Ausschreitungen in Willmars sind nur eines von unzähligen Beispielen, die in dem gerade veröffentlichten Synagogen-Gedenkband zum östlichen Unterfranken dokumentiert sind. Rechtzeitig zum Festjahr 2021 „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ist nach 19 Jahren das Projekt Synagogen-Gedenkband Bayern zum Abschluss gekommen. Die letzten fünf Jahre habe ich auf einer halben Stelle daran mitgewirkt und zur jüdischen Geschichte im Landkreis Rhön-Grabfeld und in Stadt und Landkreis Schweinfurt geforscht.

Durch die Lektüre der Quellen und Archivmaterialien entstanden zahllose Leidensbiografien jüdischer Personen. Zudem rekonstruierte ich detailliert Abläufe der Synagogenzerstörungen von 1938. Auch erhielt ich erschütternde Einblicke in die schrecklich bürokratisch-effizient verlaufende Durchführung der Deportationen von 1942.

Erinnerungen zu Geschichten geformt

Zeitzeugen sind nicht mehr viele am Leben. Deren Erinnerungen gehen verloren, wenn sie nicht aufgeschrieben werden. Es war für mich ein bewegender Moment, als ich im Rahmen meiner Forschung einer über 90-jährigen Jüdin in einem
kleinen und bescheidenen Haus bei Tel Aviv gegenüber saß. Sie war
als 13-jährige aus Franken vertrieben worden und erzählte mir in klarem Deutsch von ihren Kindheitserinnerungen aus Oberwaldbehrungen (Landkreis Rhön-Grabfeld), dem Dorf, aus dem ihre Mutter stammte.

Viele Überlebende der Schoa brachten schon vor Jahren ihre Erlebnisse aus Unterfranken zu Papier. Zu ihnen gehörte Max Strauß aus Willmars. Den erzwungenen Aufenthalt im thüringischen Meiningen nutzte er dazu, die Auswanderung zu organisieren. 

Die Flucht in den benachbarten Freistaat bewahrte die Familie allerdings nicht vor gewaltvollen Übergriffen. Der sechsjährige Sohn Martin wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November von einer Nazibande schwer zusammengeschlagen. Drei Jahre später starb Martin neunjährig – in den Augen der Familie als Folge der Drangsalierungen von 1938. Und Max Strauß wurde am 15. November 1938 in „Schutzhaft“ genommen und ins Gefängnis nach Bad Neustadt an der Saale gebracht. Nur unter der Auflage, sein Willmarser Haus sofort abzugeben, kam er frei. Im Dezember 1938 gelangte die Familie in die USA.

Trotz qualvoller Erinnerungen blickte Max Strauß im Alter wehmütig auf seine verloren gegangene Heimat zurück, träumte sich in die Willmarser Kindheitstage hinein, in denen er „in einem schönen Tal umgeben von bewaldeten Bergen“ Hammelbraten mit Klöße, „Kartoffel-Detscher“ und riesige Obstblechkuchen verspeiste. Und er resümierte, dass er als Kind ganz fröhlich, harmonisch und ohne „Rassen“-schranken mit dem gleichaltrigen Pfarrersjungen Karl aus dem benachbarten Pfarrhaus spielte. 

Nachbarsjunge Nicol als späterer Chef in Rummelsberg

Doch dieser Nachbarsjunge Karl Nicol (1886−1954) – später Rektor der Brüderschaft der Rummelsberger Diakone und Leiter der Rummelsberger Anstalten – nahm das Spielen mit den „Judenkindern“ selber nicht ohne „Rasse“-Gedanken wahr. Für ihn blieben die Juden zeitlebens ein „merkwürdiges Volk“, in dem man nur ausnahmsweise auf ein paar redliche Gestalten (wie den jungen Max Strauß) stoßen konnte. Davon schrieb Nicol in seinen Memoiren aus der Nachkriegszeit. Vorbehalte gegenüber den Juden leben auch nach 1945 fort. Synagogen müssen bis heute bewacht und mit ausgefeilter Sicherheitstechnik versehen werden. Somit hat mein Artikel kein gutes Ende. Er schließt weder getröstet noch zuversichtlich.

Gerhard Gronauer

Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine … Synagogen-Gedenkband Bayern. Teilband III/2: Unterfranken (östliche Landkreise), bearb. von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner. Lindenberg i. Allg.: Kunstverlag Josef Fink, 2021. 1.784 Seiten in zwei Halbbänden. ISBN 978-3-89870-450-2. 98 Euro.

Am 25. April wird im jüdischen Würzburger Gemeindezentrum „Shalom Europa“ der in zwei Büchern erscheinende abschließende Teil-Band des Synagogen-Gedenkbandes für Bayern „Mehr als Steine“ präsentiert. Wegen der Corona-Lage wird die Präsentation aufgezeichnet und ist über www.synagogenprojekt.de abrufbar.