Schwindelfreie und vorwitzige Engel

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Verkündigung an Maria
Meister des Hildesheimer Johannes-Altars: Verkündigung an Maria, kurz nach 1500 (Details). Foto: Janßen/GNM

Gottesboten verkünden und bejubeln seit 500 Jahren auf alten Meisterwerken Jesu Geburt 

Die Engel sind unterwegs. Gerade am Ende dieses Corona-Jahres haben uns die Himmelsboten offenbar mehr zu sagen als zu anderen Zeiten. Doch auch die weihnachtlichen Gemälde alter Meister aus der Zeitenwende um 1500 bevölkern variantenreiche Engel. Da balancieren ihre Darstellungen auch den Wandel der Vorstellungen. Was geschah da bei schwindelfreier Ansicht?

Benno Baumbauer ist Leiter der „Sammlung Malerei bis 1800 und Glasmalerei“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Es ist nun aufgrund der Corona-Lage geschlossen. Doch Baumbauer hat in einem Zoom-Gespräch eine kleine Auswahl der alten Werke für das Sonntagsblatt vorgestellt. Hier stehen zunächst die Engel-Details im Mittelpunkt. In der Weihnachts-Ausgabe nächste Woche erhalten Sie dann einen Überblick über die Werke in der Gesamtansicht.

„Verkündigung an Maria“

Ein sehr detailliertes Werk der „Verkündigung an Maria“ hat der Meister des Hildesheimer Johannes-Altars um oder kurz nach 1500 geschaffen. Dieser wirkte dort im heutigen Niedersachsen, ohne dass sein Name bekannt ist. Sein Verkündigungs-Werk gelangte erst 1916 nach Nürnberg. In der linken Hälfte des Bildes steht die Verkündigung des Erzengels Gabriel an die Jungfrau Maria im Mittelpunkt (Details im Bild oben) mit gelockter Haarpracht und faltenreichem Gewand. 

Gleichzeitig schwebt eine kleine Gestalt auf einem Lichtstrahl durch das Fenster direkt in den Kopf der Maria. Diese sieht auf den ersten Blick ebenfalls wie ein Engel aus, ist aber der kleine Jesus, den Maria auf diese Weise unbefleckt empfängt. Er hat auch keine Flügel, wie es bei einem flüchtigen Betrachten scheinen könnte, sondern bereits Kreuz und Dornenkrone mit im Gepäck.

Die rechte Bildhälfte ist dann ganz der Geburtsszene im Stall von Bethlehem gewidmet. Dort beten unter anderem kleine Engel ebenso wie Maria das Kind an. Sie erscheinen sehr viel lebensnaher als Gabriel bei der Verkündigung, der prachtvoll, aber konventionell ausgestaltet ist. Dies hat er übrigens auch mit Maria gemeinsam, die in beiden Bildhälften sehr parallel und konventionell gestaltet ist. „Die Künstler waren angehalten, sich eng an die vorgegebenen Traditionen zu halten“, vermutet Benno Baumbauer

Oben rechts im Bild schwebt ihr „Nachwuchs“: Engelchen, die das „Gloria“ anstimmen. Sie tragen schon Züge der Puttenengel der italienischen Renaissance. Neben ihnen am äußeren Bildrand rechts oben sitzt eine Gestalt, die auf heutige Betrachtende fast wie ein Nikolaus wirkt. Es ist aber der Prophet Jesaja mit dem Spruchband „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter“ (Jesaja 9,6). Auch er ist parallel gestaltet zu dem Propheten in der Verkündigungshälfte.
 

Putten im Gleichgewicht

Zwischen gotischen und Renaissance-Traditionen balanciert der Künstler Wilhelm Stetter in seinem Werk „Christi Geburt“ von 1525. Nicht nur er, auch seine Gloria-Engel halten sich in schier atemberaubender Weise oben auf dem Dachfirst die Waage. Sie sind ebenso wie ihre bodenständigen Kollegen, die für den holzhackenden Josef die Späne aufsammeln, noch viel typischere Renaissance-Putten: mollig, spärlich bekleidet und mit kleinen Flügeln, die sie fast flugunfähig machen. 

Wilhelm Stetter war ein Johanniter aus Straßburg, also aus der seltenen Spezies der malenden Geistlichen. Er konstruierte eine sehr verschachtelte Stallszene, mit fast unwirklich hohen Räumen, die in Palastruinen übergehen. Auch ist der Weg des Werkes nach Nürnberg verschlungen. Das Museum hat es 1929 im Münchner Kunsthandel erworben. 
 

Lebensnahe Besorgte

Bekannt war Stetter aber auch mit dem Maler Hans Baldung Grien, der in seinen Nürnberger Jahren mit Albrecht Dürer zusammenarbeitete, bevor er nach Straßburg ging. Die Putten in seinem kleinformatigen, privaten Marien-Andachts-
bild wirken besonders lebensnah, kindlich und niedlich. Sie schieben den Vorhang für die Betrachtenden auf und sind selbst neugierig. Da schauen sie besorgt in das Buch, das Maria liest. Allerdings wurde das Bild später zumindest in Details ausgebessert und übermalt, so Baumbauer. So ist nicht ganz sicher, ob ihr Gesichtsausdruck original ist. Doch liest Maria wohl über das spätere Leiden ihres Sohnes. 

Putten sind nicht nur der Nachwuchs der Engel, sondern haben die Eros-Gestalten um den antiken Liebesgott Amor unter ihren Ahnen. Ihre berühmtesten Vertreter sind die Putten der Sixtinischen Madonna Raffaels. Auch Dürer malte sie. 

Dies Bild Baldungs scheint sich in einen engen Raum zurückzuziehen.  Doch hier geschieht atemberaubend Neues. Es balanciert nicht nur auf Grenzen, sondern sprengt sie. Können sie unsere Sorgen tragen und uns Kraft übermitteln?

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