Versöhnung mit der Kirche

100
Die Regionalbischöfin Dorothea Greiner bei dem Wiederanvertrauen der Rechte aus der Ordination von Pfarrerin Christiane Maag.Foto: Zeller
Die Regionalbischöfin Dorothea Greiner bei dem Wiederanvertrauen der Rechte aus der Ordination von Pfarrerin Christiane Maag.Foto: Zeller

Lebenslinien in Gottes Hand: Pfarrerin Christiane Maag fand den Weg zurück zur Kirche

Pfarrerin Christiane Maag ist – kirchlich gesehen – eine Quereinsteigerin. Sie wurde als Kind nicht getauft, da die Eltern aus der Kirche ausgetreten waren. Und das, obwohl der Vater selber Pfarrerssohn war. Kirche und Glaube waren tabu. Doch sie hakte nach, weil die schon sehr früh eine diffuse Sehnsucht in sich hatte: Nach Gott, nach Gemeinschaft, nach etwas, was sich rational nicht erklären ließ. Irgendwann kam sie auf Jesus und die Bibel und ließ sich mit 20 Jahren taufen. Um sie herum waren Leute, die in sich ebenfalls  eine Begeisterung für Jesus hatten
und den Glauben in ihrem Leben umsetzen wollen. So studierte sie Theologie auf Pfarramt. Ohne überhaupt je eine „normale Gemeinde“ von innen gesehen zu haben. Der Schock war groß. Nach einigen Jahren als Gemeindepfarrerin drehte sie  der Kirche vor einigen Jahren den Rücken zu und stieg aus. Jetzt ist sie wieder zurück. Über ihren Weg hat sie mit Inge Wollschläger gesprochen. 

Sie haben der evangelischen Kirche 2015 als Pfarrerin den Rücken zugedreht – wie kam es zu dem Schritt?

Schon im Vikariat hatte ich meine liebe Not mit der Gemeindearbeit und habe mich arrangiert. Das ging solange halbwegs gut, bis ich auf meiner letzten Stelle eine richtig Krise kam. Erstens habe ich meine beiden Eltern fast gleichzeitig verloren, und zweitens hatte ich das Gefühl, dass ich einfach nicht mehr kann, und mit meinen Problemen alleine dastehe. Mein „Fremdeln“ mit der Kirche, das von Anfang an da war, wurde zunehmend zur Entfremdung. Was ich erlebt habe, ließ sich für mich immer weniger mit meinem eigenen Glauben vereinbaren. Als Jesus mit seinen Jüngern durch Galiläa zog – wollte er da wirklich eine Volkskirche gründen? Was hat das mit persönliche Nachfolge im Glauben zu tun? Für mich damals immer weniger. 

Da habe ich mich dann erst mal beurlauben lassen. Ich wollte freiberuflich als Heilpraktikerin arbeiten. War aber auch einfach sehr müde und frustriert. Dann habe ich, entgegen der kirchlichen Rechtslage, Beerdigungen für Ausgetretene gegen Honorar angeboten und bin so mit der Kirchenleitung in Konflikt geraten. Und dann im Groll aus der Kirche ausgetreten.

Was hätten Sie sich von „der Kirche“ gewünscht oder gebraucht in dieser Zeit?

Was ich gebraucht hätte wäre eine gute seelsorgerliche Begleitung gewesen. Dass jemand gesehen hätte, dass es mir wirklich nicht gut ging. Zur Not auch, dass die Kirchenleitung mich aus der Schusslinie gezogen und zum Amtsarzt geschickt hätte (oder mir das zumindest nahegelegt hätte). Für die sah es aber wohl so aus, als wäre ich einfach faul. Klar, ich hätte auch selber um Hilfe bitten können und sollen. Aber das Wesen einer echten Krise ist eben manchmal, dass man genau dazu nicht mehr in der Lage ist und das war bei mir der Fall.

Sie wurden zunächst alt-katholisch. Wie war das? 

Zunächst mal war mein Kirchenaustritt einfach der Versuch, die Reißleine zu ziehen und mich von Strukturen zu entfernen, die mir nicht gut tun. Leben wollte ich meinen Glauben aber trotzdem und entschied mich ziemlich übereilt zur Konversion in die alt-katholische Kirche. Was ich hier toll fand, ist die Kombination aus katholisch geprägter Liturgie und quasi evangelischer Offenheit. Hier sind die Strukturen weniger festgefahren und die Gemeindeglieder leben ihren Glauben sehr bewusst.

Jetzt der Schritt wieder zurück. Ihnen wurden die Rechte aus der Ordination als Pfarrerin wiederanvertraut. 

Im Grunde war mir tief im Inneren die ganze Zeit nicht wohl mit meiner Flucht aus dem Pfarramt und aus der Kirche. Es war eine Entscheidung, die aus Kränkung und Groll heraus getroffen wurde und so sollte man nichts entscheiden. Allerdings ermöglichte diese Auszeit von der Kirche eine glückliche Wendung in meinem Leben. Im Sommer 2015 habe ich meinen Mann kennengelernt. Er ist katholisch und wäre mir im normalen Pfarrerinnenalltag mit Sicherheit nicht begegnet. 

2017 wurde ich, ungeplant, schwanger – und zeitgleich wurde bei mir ein bösartiger Tumor entdeckt. Ich habe also gleichzeitig mein Kind ausgetragen und eine Chemotherapie gemacht. Das war eine absolut irre Erfahrung – aber sie hat mich, wenn man so will, direkt in Gottes Arme getrieben. Die Situation war bedrohlich – und gleichzeitig fühlte ich mich so getragen und innerlich friedlich wie noch nie zuvor im Leben. Ich habe dann ein gesundes Kind zur Welt gebracht. Und bei mir ist der Krebs bisher auch nicht zurückgekehrt. Das alles führte mich tief in die Frage: Gott, was willst du von mir? Ich habe gemerkt, dass ich mich innerlich versöhnen muss mit der evangelischen Kirche. 

Ich wollte einfach meinen inneren Frieden und aus dieser Motivation heraus schrieb ich Frau Regionalbischöfin Dr. Greiner einen Brief, in dem ich zum einen um Verzeihung für meine eigenen Fehler bat, aber auch darlegte, warum ich mich damals ziemlich im Stich gelassen gefühlt habe. Ich rechnete gar nicht damit, dass schnell eine Antwort kommt, ich habe den Brief hauptsächlich für meinen Seelenfrieden geschrieben. Danach fühlte ich mich sehr erleichtert. Die Antwort kam aber postwendend. Mit Bitte um Vergebung im Namen der Kirchenleitung. Das bewog mich dazu, dann wieder evangelisch zu werden.

Wie war es, nach vielen Jahren wieder den Talar überzustreifen und den 1. Gottesdienst zu halten?

Es war fremd-vertraut! Natürlich ist es ungewohnt, nach fast sechs Jahren plötzlich wieder als Pfarrerin auf der Kanzel zu stehen. Auch mein Mann und mein Sohn müssen sich daran erst gewöhnen, sie kannten mich ja so nicht. Aber ich habe gemerkt: Genau da gehöre ich hin und da will ich jetzt bleiben. So gern ich jetzt wieder Pfarrerin bin, ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich werde mich nicht mehr auf Stellen bewerben, die mir fünf Nummern zu groß sind. Zum einen habe ich jetzt Familie, die geht vor. Zum anderen ist auch meine Krebserkrankung nicht spurlos an mir vorübergegangen. Ich bin nicht mehr so belastbar wie vorher. Was ich mir vorstellen kann, ist eine halbe Pfarrstelle ohne Verwaltungstätigkeiten. Oder Aufgabengebiete in Gottesdienst und Seelsorge.