Editorial: Als die Stadt glühte …

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Inge Wollschläger Editorial Hintergrundbild Kraus

„Wir hatten keine Angst und keine Sorgen. Wir waren Lazarett- stadt und sollten nicht bombardiert werden!“, erzählt die 83-jährige Seniorin. Es gab zwar jeden Abend Fliegeralarm. Aber sie und ihre Familie waren überzeugt: „Uns passiert ja nichts!“. So schliefen sie, wenn sie die Sirenen hörten – nach einem kurzen Umzug –  eben im Keller weiter. Bis eines Nachts der Vater kam und sagte: „Kommt. Das müsst ihr sehen!“

Der Himmel schien zu brennen. Die Stadt war erleuchtet von Leuchtbomben – den Christbäumen – wie sie in der Bevölkerung hießen, damit feindliche Truppen wussten, wohin sie ihre Bomben abwerfen sollten. „Ein Zischen. Kaum Geräusche. Die Flieger schickten Feuer und keine Bomben, die eine Explosion verursacht hätten“, so erinnert sich die alte Dame. „Die Stadt glühte!“ 

Sie erinnert sich auch daran, wie wenig sie das als Kind beeindruckt hatte. „Das war eben so!“. Heute weint sie, wenn sie an diese Nächte denkt. Denn natürlich folgte Zerstörung, wie sie es noch nie gesehen hatte.

Der Schrecken kommt immer wieder und wird neu durchlebt. Vieles, was sie als Kind sah und hörte, kommt im Alter wieder hoch. Ein Geräusch, ein Geruch – und schon ist sie da – die Angst. Als Kind nimmt man anders wahr. Wer hätte damals auch die Kleine – angesichts dieser Katastrophe mit all ihren Folgen psychologisch betreuen oder auffangen sollen? 

Ganz anderes war damals wichtig: Ausbombardierte Menschen aufzunehmen. Wunden notdürftig zu versorgen. Tote zu begraben. Das war wichtig. Gefühle mussten hinten anstehen. Es war wichtiger, wie man alle satt bekam und wo jeder einen Schlafplatz hatte. 

„Damals hatten wir keine Tränen. Da hat mich das nicht schockiert. Es schockiert mich heute!“, sagt sie, wenn sie an die glühende Stadt denkt. An den Nachbarn, den sie kurz vorher noch sah und dann nie wieder. An den netten Hund der Freundin, der spurlos verschwunden blieb.

Der Volkstrauertag ist auch ein Tag für solche Geschichten. Geschichten, von Familien, die um ihr Leben fürchteten. Die vielleicht nie Zeit hatten, zu trauern. Weder um ihr eigenes Seelenheil noch um das der anderen. Der Schrecken ist heute immer noch in den Seelen dieser Menschen. Das darf man nicht vergessen. Daran sollte an diesem stillen Tag auch gedacht werden.