In besonders sicherem Gewahrsam?

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Der evangelische Pfarrer Felix Walter arbeitet als Seelsorger im Gefängnis Stadelheim. Wegen der Corona-Krise dürfen dort aktuell keine Besucher hinein.
Der evangelische Pfarrer Felix Walter arbeitet als Seelsorger im Gefängnis Stadelheim. Wegen der Corona-Krise dürfen dort aktuell keine Besucher hinein. Foto: epd/F

Wie wirkt sich die Corona-Zeit auf die Inhaftierten und Strafentlassenen aus

Normalerweise ist ihm Nähe wichtig: Segensgesten hält Pfarrer Christian Anton für besonders hilfreich, um Distanzen zu überwinden. Doch seit einem guten halben Jahr sind Plexiglasscheiben, Masken und Telefone immer noch das Gebot der Stunde. Der evangelische Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Landsberg zählt sich selbst zur potentiellen Corona-Risiko-Gruppe. So haben die Vorsichtsmaßnahmen für ihn eine ganz besondere Bedeutung. Dabei sind die Gefängnisse selbstverständlich Orte, in denen ganz besonders auf die Einhaltung der Hygiene-Regeln geachtet wird.

Wie sind die Quarantäne-Regeln in der Haft?

Schließlich sind Gemeinschaftsduschen und enge Unterbringung in den Justizvollzugsanstalten üblich. So setzten die Einrichtungen in den vergangenen Monaten auf Abschottung. Wer in ein neues Gefängnis verlegt oder neu aufgenommen wurde, kam zunächst zwei Wochen lang in Quarantäne mit möglichst wenig Kontakten. „Es hat eine Weile gebraucht“ diese und weitere Regelungen verständlich zu machen, aber inzwischen „ist die Vernunft da“, so Anton. Oft reagierten die Gefangenen überrascht, wenn sie erfahren, dass die Corona-Einschränkungen auch den Alltag außerhalb der Haftanstalt betreffen. Zwar sind in Landsberg meist Verurteilte, die ihre erste Haft abbüßen, aber das heißt nicht, dass sie nur kurz „drinnen“ sind.

Direkt aus ihrem Alltag herausgerissen sind hingegen viele der Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München. Denn dort gibt es viele Untersuchungsgefangene vor der Verurteilung. Die zweiwöchigen Quarantäne-Bestimmungen müssten da umso häufiger angewandt werden, erklärt der dortige evangelische Seelsorger Felix Walter. 

Da auch hier Gesprächsmöglichkeiten mit Anwälten und Angehörigen durch Corona deutlich eingeschränkt sind, gibt es erweiterte Möglichkeiten zum Telefonieren, ergänzt Felix Walter. Er hat bemerkt, dass die Gefangenen bei ihm in Stadelheim ganz unterschiedlich auf die Beschränkungen reagieren: „Manche Gefangenen wollen lieber telefonieren als Besuche empfangen.“

Auch Walter kann Seelsorgegespräche erst richtig nach Ablauf der Quarantänezeit führen. Gruppenangebote wie Glaubensgespräche sind immer noch nur eingeschränkt und in deutlich kleineren Kreisen möglich. Dafür finden die Gottesdienste quasi in Corona-Ökumene statt. Da er mit seinem katholischen Kollegen nicht hintereinander ohne längere Belüftungszeiten zwei Gottesdienste stattfinden lassen kann, gibt es abwechselnd Gottesdienste für alle. 

In Landsberg feiert Christian Anton mit dem katholischen Kollegen sowieso abwechselnd die Gottesdienste – und zwar schon länger ausdrücklich ökumenisch. Regelmäßig kommen dort rund 50 der Häftlinge zusammen, also mehr als zehn Prozent der Bewohner. Denn etwa 450 Plätze von den verfügbaren 700 waren in den letzten Monaten belegt – weil sowieso umgebaut wird, erklärt Anton. 

So kommen zu seinen Gottesdiensten die Angehörigen der verschiedensten Konfessionen und Religionen. Anton betreut unter den Gefangenen sogar Kopten oder Angehörige afrikanischer Freikirchen. Und zu Corona-Zeiten zunehmend Muslime. Der islamische Geistliche von der örtlichen DITIB-Moschee, der ansonsten meist freitags das Gefängnis Landsberg aufsuchte, gilt als „Externer“ von außen. Er kommt nicht mehr so einfach herein. 

Gleichzeitig war das Gefängnis Landsberg zu Ostern – zur schlimmsten Zeit des Corona-Lockdowns – eine der wenigen Orte, die einen Präsenz-Gottesdienst abhalten konnten. Schließlich ist dann ein Gefängnis fast so etwas wie eine Hausgemeinschaft – wenn auch eine besonders große. 

Beim Gottesdienst achtet Anton natürlich penibel darauf, dass „der Altarraum mir gehört“. Bei Ritualen wie dem Anzünden von Teelichtern assistieren ihm „Gottesdiensthelfer“ unter den Gefangenen, die sich ihren Mithäftlingen ja nähern dürfen. Auch das Verteilen des Abendmahls unter Corona-Bedingungen ist für Christian Anton schwierig.

Da nach seiner Schätzung unter den Häftlingen Angehörige von etwa 50 Nationen sind, gewinnt sowieso ein niedrigschwelliges Angebot an Bedeutung. Predigten abzulesen, gehe sowieso nicht, da der Blickkontakt für ihn wichtig sei. So lernt er sie auswendig. „Und was ich im Gottesdienst vergessen habe, das war nicht wichtig.“ Gruppentreffen mit Freiwilligen ‚von außen‘ können aktuell nicht mehr stattfinden.

Und nach der Haft?

Wie aber können unter diesen Bedingungen Häftlinge aufgefangen werden, deren Entlassung ansteht? Kay Putsche ist bei der Stadtmission Nürnberg Leiter des Arbeitskreises Resozialisierung. Er kann Strafentlassene in dezentrale kleine Wohnungen vermitteln, von denen aus sie wieder ihre Fühler in die Freiheit ausstrecken können. Sie können sich für eine Arbeit bewerben, eine eigene Wohnung suchen oder persönliche Probleme wie Schulden in intensiven Gesprächen mit Kay Putsche und seinem Team angehen.

Unter normalen Bedingungen ist eine erste Kontaktaufnahme während der Endphase der Haft sinnvoll. So wissen die Verurteilten gleich, wohin sie sich danach wenden können. Das gelingt aber unter Corona-Bedingungen nicht. Denn Kay Putsche und seine Mitstreiter können nun ebenfalls nicht mehr in den Nürnberger Gefängnissen mit den Gefangenen Kontakt aufnehmen. Selbst ihr Postfach dort zu leeren, war ihnen lange nicht erlaubt.

So können Verurteilte erst nach der Entlassung zum Arbeitskreis Resozialisierung Kontakt aufnehmen. Dazu bräuchten sie dann viel mehr eigene Initiative – was nicht allen von ihnen leichtfällt. Dann mussten ohne Vorbereitungszeit Lösungen gefunden werden. Und dann findet ein Gespräch natürlich nur mit Maske und „einem mehr als großzügigen Abstand“ statt, so Sozialpädagoge Putsche. Schließlich kann niemand sagen, wo er zwischen der Entlassung und seinem Besuch bei der Stadtmission war.

Das ist für ihn „suboptimal“, schließlich leben gerade die Erstgespräche von einem direkten Eindruck. So ging die Anzahl der Neuen, um die sich seine Arbeitsgruppe kümmert, deutlich zurück. Die Betreuung war schwieriger. Telefonkontakte eher oberflächlicher. Allein schon die Übergabe von Geld an die Schützlinge, bevor die Entlassenen wieder ein eigenes Konto besitzen, war schwieriger. Da fand eine Übergabe auch mal direkt an einer Haustür statt. Und dennoch gab es Lichtblicke auch für die Betreuten der Stadtmission. Gerade in den vergangenen Wochen zeigte ihre Arbeitssuche wieder mehr Erfolg.

Susanne Borée