Spricht Gott durch die Corona-Krise?

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Online-Seminar des Bildungszentrum Bad Alexandersbad zu brisantem Theologieproblem

Will Gott uns durch Corona strafen? Auch manche Christen haben kein Problem, Gottes Wirken in dieser Welt eindeutig zu bestimmen – und das gerade in dieser aktuellen Krise. Doch weißt es uns nach oben oder in die Welt hinaus wie der Engel den Propheten Elias in dem Leinweber Bild? Peter Hirschberg, Studienleiter am Evangelischen Bildungszentrum Bad Ale-xandersbad, stellt sich nun in einem Online-Seminar dieser Frage. Bei diesem Webinar kommen die Teilnehmenden über die Video-Plattform „Zoom“ zusammen. So können sie nicht nur zuhören, sondern auch gemeinsam diskutieren.

Ausgangspunkt des ersten Seminarabends war die Frage, inwieweit irdisch-geschichtliche Erscheinungen – ob nun positiv oder negativ gesehen – direkt als Gottes Wirken erfahren werden können. Gegen diesen Ansatz sprechen für Peter Hirschberg aber verschiedene Argumente: Auf pragmatischer Ebene betonte er, dass man sich bei solchen Einschätzungen „häufig getäuscht und damit großes Leid heraufbeschworen hat“. Als Beispiel nannte er die Deutschen Christen, die Adolf Hitler als Erfüllung göttlichen Willens angesehen hatten.

Theologisch spräche ferner dagegen, dass „Gott seiner Schöpfung (den Menschen und der Natur) eine gewisse Freiheit eingeräumt hat, er biblisch aber nicht anders gedacht werden kann als der, der in allem präsent ist, alle Prozesse trägt und begleitet, und wir nicht wissen können, wie beides miteinander zusammenhängt.“ Dies präzisierte der Theologe am Beispiel der Josephsgeschichte. Joseph wird bekanntlich von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft und muss Schlimmes leiden. Doch am Ende kann er bekennen: „Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht“ (Genesis 50, 20).

Peter Hirschberg fügte hinzu: „Außerdem haben wir Menschen nur einen begrenzten subjektiven Horizont, stehen noch mitten in einer prinzipiell unabgeschlossenen Geschichte, sodass letzte Urteile unmöglich sind; wir wissen nicht, welches geschichtliche Ereignis auf Dauer welche Folgen haben wird.“

In seiner Argumentation berief er sich auf den Beginn der Barmer Erklärung von 1934, in der Jesus Christus als „das eine Wort Gottes“ bezeugt ist. Dagegen verwirft die Bekenntnisschrift „die falsche Lehre …, noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung“ zu begreifen.

Andererseits will der biblische Gott, so der Theologe, „dass wir in der Gegenwart seinem Willen gemäß leben und den Menschen durch Wort und Tat verkündigen“, welche Wege zum Leben oder Tod führen. „Hier geht es um das prophetische Amt der Kirche und dies kann nur ausgeübt werden, wenn wir als wache Zeitgenossen kritisch prüfen, wie Ereignisse und Entwicklungen aus der göttlichen Perspektive zu beurteilen sind.“ 

Hirschberg forderte eine „prophetische Theologie“: „Die Propheten waren weniger Zukunftsweissager, sondern primär Deuter der Gegenwart, damit der Mensch im Hier und Jetzt den Willen Gottes erkennen und entsprechend leben kann. Sie betrachten die Gegenwart aus der Perspektive der göttlichen Offenbarung.“ Hier zeigt die Prophetie wie der Engel im Leineweber-Bild oder das Amos-Buch nicht nur zum Himmel hinauf, sondern will auch irdische Wegweisung geben.

Insofern geht es Peter Hirschberg nicht spekulativ um das „Warum“ der Krise, sondern zielorientiert um die Frage, wozu sie sich nutzen lasse. Er ist nahe am Glaubensbekenntnis Dietrich Bonhoeffers, in dem es etwa heißt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Ähnlich formuliere es der Römerbrief: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind“ (Kapitel 8, 28).

Prophetische Deutung der Theologie sei also ein Prozess mit verschiedenen Faktoren, der nicht nur eindimensional verlaufe, sondern in enger Diskussion einer Gemeinschaft sowie im Hören auf Gottes Wort und den Herausforderungen der Gegenwart. Menschen können sich auch nur an den Willen Gottes annähern, ihm aber nicht vollständig erfassen – und auch dabei irren. Trotzdem gehe nicht ohne diese Art der prophetischen Theologie.

Hirschberg fügte hinzu: „Covid-19 ist keine göttliche Strafe.“ Die Krise „kann jedoch – wie alles Übel – als Gericht erfahren und interpretiert werden. Gericht ist biblisch gesehen nichts Negatives, so sehr es auch mit Leid, Schmerz und Tod verbunden sein kann. Gericht bedeutet, dass Dinge zurecht gerückt werden, die schief waren.“ 

Auch in der Alltagssprache erführen wir diese Bedeutung, wenn wir sagen: Es wird etwas „gerichtet“, es ließen sich also wieder geradere oder gerechtere Zustände herstellen. „Wenn wir ein „Ereignis als göttliches Gericht“ erfahren, „dann sagen wir, dass eine Krise uns hilft oder geholfen hat, Falsches zu erkennen und es mit Gottes Hilfe zu überwinden. Etwas als göttliches Gericht zu verstehen bedeutet deshalb nicht Resignation, sondern in der Krise die Chancen zu erkennen, die Gott uns dadurch zuspielt. Es bedeutet nicht, das Böse oder leidvolle Ereignis zu rechtfertigen.“

In diesem Sinne könne Corona mit Bernd Ulrich aus einem Zeit-Artikel vom 20. Mai als „aufklärerischste Krise“ erfahren werden, „weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser verstehen kann.“ Mit Corona als „Weckruf“ gelänge es, „sich in neuer Intensität wichtige Fragen zu stellen“: An den Beispielen der Klimaerwärmung, der ungerechten Verteilung von Ressourcen oder der Globalisierung zeige sich etwa wie in einem „Brennglas, was alles schief läuft in unserer Welt“, gleichzeitig aber auch, „was alles möglich ist“. Da verweist Peter Hirschberg auf Walter Benjamin, der gesagt habe: „Dass es so weiter geht, ist die Katastrophe.“ Vielleicht führe aber Corona dazu, „zumindest einige wichtige Weichen“ zu stellen. So lasse sich dann rückschauend vielleicht ein Sinn der Krise erkennen.

An den Montagen vom 8. bis 29. Juni werden sich jeweils um 19 Uhr vier Webinar-Abende mit weiterführenden Fragen beschäftigen: Bietet Corona eine Chance für ein besseres Leben? In welchen Bereich von Wirtschaft und Politik sollte es danach nicht so weitergehen wie bisher? Wie lässt sich die Reaktion der Kirche sehen? Und welche Lehren lassen sich daraus ziehen?

Mehr infos und Anmeldung unter: 

https://www.ebz-alexandersbad.de