Andacht: Wenn das Angesicht des Herrn leuchtet

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 

4. Mose 6, 22–26

Ich zog die Gummis meiner Mund-Nasen-Bedeckung über die Ohren, nahm mir einen Einkaufswagen und ging in den Supermarkt. Kunden rollten ihre Wägen achtsam durch die Gänge. Sie hielten sich größtenteils an die neuen Regeln. Die unteren Gesichtshälften bedeckt, einfarbig krankenhausgrün oder blumig gemustert. Ich empfand eine Traurigkeit. Nicht, weil ich die Münder und Nasen der anderen nicht sehen konnte. Sondern weil auch die Augen aneinander vorbeiblickten und weil niemand grüßte. Als ob man sich bereits durch Blicke oder einen freundlichen Gruß den Virus einhandeln könnte. 

Am Kühlregal mit den Milchprodukten holte sich ein älterer Herr ein Stück Butter heraus und legte es in seinem Wagen zum Brot. Ich war unsicher, wegen der Abdeckung in seinem Gesicht. Aber diese bedächtigen Bewegungen kannte ich. Woher nur? Ja, tatsächlich. Er war es! Gott. Gott stand hier mit seinem Einkaufswagen und holte sich Butter aus dem Regal. Ich wunderte mich und sprach ihn von der Seite an und fragte: „Butter?“ Und er antwortete: „Selbstverständlich. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Dann zwinkerte er und meinte: „Hat schon was, wenn man sich selber zitieren kann.“

Dabei wandte er mir sein Gesicht zu. Ja, er war es. Die Augen mit den furchigen Spuren eines unendlichen Lebens voller Lachen und Traurigkeit. Der Blick, der schon soviel gesehen hatte, dem nichts Menschliches fremd war und der sich dennoch diese Güte und Wärme bewahrt hatte. Dieser „Barmherziger Samariter“-Blick. Dieser „Und als er ihn sah jammerte er ihn“- Blick. Dieser „Er sah ihn an und gewann ihn lieb“-Blick. Dieser „Fürchte dich nicht, ich kontrolliere nicht und verurteile nicht“-Blick. Dieser „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“-Blick.

Ich konnte mir nicht verkneifen zu fragen: „Ich wundere mich, dass du hier bist, und nicht in der Kirche.“ – Er stellte die Gegenfrage: „Hast du schon mal ein Butterbrot mit Salz gegessen? Na, siehst du. Und mal ehrlich: Leute gibt es hier wie dort.“ Wir unterhielten uns noch ein wenig – mit dem gebotenen Abstand – und er fragte mich freundlich, wie die Lage so sei. Ich sagte: „Naja, ich komm schon über die Runden.“ Und ich erzählte, dass ich im Winter viele Auftritte hatte, so dass ich mit seiner Hilfe und den Gagen aus dieser Zeit einigermaßen zurechtkäme. Anderen ginge es in diesen Tagen weniger gut. Künstlerkollegen, die nie die Möglichkeit hatten, Geld zurückzulegen, sondern die von ihren Einnahmen immer Essen kaufen und Miete bezahlen mussten. Krankenschwestern, Ärztinnen, die Kassiererinnen im Supermarkt, einsame alte Menschen in den Heimen, Familien in engen Wohnungen ohne Garten. „Da kann ich für mich nicht klagen. Und mit Jammern wird ja auch nichts besser. Hilft ja nichts. Ich bin zuversichtlich.“ Gott sah mich die ganze Zeit an und hörte mir aufmerksam zu, und dann verabschiedeten wir uns. Er segnete mich noch, und dann schob jeder seinen Wagen in eine andere Richtung.

An der Kasse begann die Kassiererin hinter der Plexiglasscheibe  meine Waren über den Scanner zu ziehen. Ich sagte zu ihr: „Grüß Gott.“ Sie schaute mich an und erwiderte meinen Gruß. 

Wolfgang Buck, Singer/Songwriter und Pfarrer, Walsdorf