Editorial: Reich gesegnet – auch ohne Meer

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Ich habe Sehnsucht nach dem Meer. Mir den Wind um die Nase pusten, die Füße im kalten Wasser erschrecken zu lassen und den Sand auf meiner Haut zu spüren.

Das Meer jedoch wird dieses Jahr ohne mich auskommen müssen. Reisen wird dieses Jahr nicht möglich sein.

„Bleibt zuhause“ ist die Devise dieses Jahres und sie ist es natürlich aus gutem Grund. Diese Pandemie soll so schnell wie möglich abflachen. Viele meiner Angehörigen und Freunde haben einen „Lagerkoller“. Wir vermissen uns und suchen beständig neue Wege, wie wir in Kontakt miteinander treten können. Natürlich ist es nur ein Abklatsch des wahren, bisher bekannten Lebens. Sie, liebe Leserinnen und Leser alle werden das derzeit in der ein oder anderen Form kennen.

Wie soll man da „Jubilate“ feiern? So heißt der Sonntag, der jetzt gefeiert wird und diesen Namen einst bekam. Über was soll man jubilieren in diesen Zeiten? Selbst Gottesdienste, in denen man eine mögliche Antwort dar-auf bekommen könnte, gibt es noch nicht. Es gibt keinen Grund, zu jubilieren. Menschen auf der ganzen Welt werden krank, viele sterben – was sollte es da zu jubilieren geben?

„Ach“, sagt mir eine 86-jährige Bekannte. „Das geht alles vorüber! Wirst du sehen. Da haben wir ja schon ganz andere Sachen mitgemacht!“

Sie erzählt von den verheerenden Zeiten während des Krieges und den nicht minder schweren Jahren danach. Auf was sie alles verzichten mussten und verzichtet haben. Dazu die Trauer um all die Verstorbenen und Vermissten. Der komplette Neuanfang in Verwüstung und Trümmern.

Natürlich kann und soll man Zeiten nicht miteinander vergleichen. Aber sie helfen einem, sich selbst ein bisschen einzuordnen:

Über was jammere ich, wenn ich das Meer, meine Familie und Freunde und meinen „früheren“ Alltag vermisse? Das Meer wird bleiben. Und wenn wir uns an Schutzmaßnahmen halten, werde ich meine Familie und Freunde wohlbehalten wiedersehen. Auch mein Alltag wird zurückkehren mit alle dem Schönen – und natürlich auch dem Beschwerlichen.

Ich bin reich gesegnet in meinem Leben. Seit 75 Jahren – länger als ich lebe – ist Frieden. Ein Zustand, den viele ältere Menschen noch anders kennen. Und es fällt einem auf: Doch – es gibt sehr viele Gründe „Jubilate“ zu feiern.