Andacht: Süß wie Honig

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Hesekiel 2,8

Hesekiel sollte als Prophet den Israeliten ihre unglückliche Situation im babylonischen Exil und fern der Heimat aus Gottes Perspektive erklären. Und das waren harte Worte. Schwer verdaulich für seine Hörer. Denn für ihr Schicksal wurden sie selbst mitverantwortlich gemacht.

Der Untergang und die Zerstörung Jerusalems war ihre Schuld. Zu viel Egoismus, zu viel Machtstreben, zu viele falsche Götter, zu wenig Gott­vertrauen. Als Menschen mit harten Köpfen und verstockten Herzen beschreibt sie Hesekiel an anderer Stelle.

Wahre Worte sind oft eine harte Kost. Wahrheit und Wahrhaftigkeit schmeckt nicht jedem. Vor allem im Blick auf das eigene Tun und Reden, da geht es schnell ans Eingemachte. Welchen Anteil habe ich an meiner Situation? Wo bin ich nicht Opfer, sondern selbst Täter? Wo trage ich selbst zum Unfrieden bei in meiner Familie, an meinem Arbeitsplatz und in der Welt?

„Mit der Schule ist es wie mit der Medizin: Sie muss bitter schmecken, sonst nützt sie nichts!“ lautet ein Zitat aus dem Film „Die Feuerzangenbowle“. Es ist wohl traurige Wahrheit, dass wir Menschen erst dazulernen, wenn der Schmerz und der Druck dazu groß genug sind. Eine klare wahrhaftige Sicht der Dinge mag tatsächlich ja auch schmerzhaft sein, aber sie ist notwendig, damit wir uns zum Guten verändern können.

Die Passions- und Fastenzeit in den kommenden Wochen lädt uns dazu ein, dass wir über Klage, Ach und Weh unseres Lebens und der Welt nachdenken und unseren Anteil daran erkennen. Nicht aber, um darüber zu verzweifeln, sondern damit Umkehr und Veränderung möglich wird. Damit sich Verbitterung in Hoffnung und Schuld in Freiheit verwandeln kann.

Auch Hesekiels Worte gegenüber Israel verwandeln sich. Aus der Anklage erwächst die Verheißung eines Neubeginns mit Gott, Vergebung und Heimkehr werden möglich sein. Süße Worte aus seinem Mund für ein geschundenes Volk. Süße Worte für uns, die wir durch Christus mit hineingenommen sind in den Bund der Gnade mit seinem Volk Israel.

Trotz aller Schuld, trotz aller Klage, Ach und Weh im Leben und obwohl wir Menschen mit harten Köpfen und oftmals verstockten Herzen sind, gilt auch uns die Verheißung, dass wir wahrhaftig vor Gott und mit uns selbst sein dürfen. Damit sich etwas verändern kann in uns selbst und in dieser Welt.

Dekan Tobias Schäfer, Hersbruck

Lied 634:

Lass uns in deinem Namen