Vom Trübsinn zum Sinn

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Pfarrer Gerhard Sprakties und Diakon Helmut Unglaub beim Konvent der Altenheimseelsorge in Neuendettelsau. Dort hielt er einen Vortrag über die Sinnfindungesmöglichkeiten im Alter. Foto: Wollschläger
Pfarrer Gerhard Sprakties und Diakon Helmut Unglaub beim Konvent der Altenheimseelsorge in Neuendettelsau. Dort hielt er einen Vortrag über die Sinnfindungesmöglichkeiten im Alter. Foto: Wollschläger

Lebenslinien in Gottes Hand: Glücklich und sinnerfüllt alt werden

Wie können wir glücklich und sinn­erfüllt alt werden? Dieser Frage ist Pfarrer Gerhard Sprakties seit vielen Jahren auf der Spur. Noch nie hatten Menschen so viele Möglichkeiten, so lange zu leben wie heute. Doch das Alter hat auch viele Fallstricke: Mit zunehmendem Alter wächst das Risiko von körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen. Oft stellt sich dann die Frage: Welchen Sinn ergibt mein Leben noch? Brauchen wir überhaupt die Sinnfrage oder können wir auch ohne Sinn glücklich werden? Der erfahrene Altenheimseelsorger, Logotherapeut und Existenz­analytiker Sprakties hat ein Buch geschrieben, das sich mit dem Lebenssinn im Alter beschäftigt. Inge Wollschläger hat mit ihm gesprochen.

Wie sind Sie ganz persönlich auf die „Sinnfrage“ gekommen?

Während meines Theologiestudiums habe ich begonnen mich für die sinn- und wertzentrierte Psychotherapie Viktor E. Frankls zu interessieren. Die Begeisterung für den Wiener Arzt für Neurologie und Psychiatrie und sein Werk haben mich und meine Theologie geprägt und begleiten mich bis heute. Wichtige Grundlagen der sinn- und wertzentrierten Psychotherapie wurden mir durch Günter Funke in Berlin, Wolfram Kurz in Tübingen und Randolph Ochsmann in Mainz vermittelt. Mein Zweitstudium in Diakoniewissenschaften habe ich mit einer Diplomarbeit abgeschlossen, die sich ebenfalls mit Frankls Logotherapie und Existenzanalyse befasst hat. Sie trägt den Titel: „Der leidende Mensch vor der Sinnfrage.“

Im Herbst 2001 begann ich als evangelischer Pfarrer in mehreren Mannheimer Altenpflegeheimen als Seelsorger zu arbeiten. Ich erkannte sehr bald, wie hilfreich Frankls Ansatz für meine Tätigkeit ist. Der alternde Mensch fragt im Angesicht sich häufender Verlusterfahrungen und körperlich-seelischer Beeinträchtigungen nach dem, was seinem Leben Sinn gibt. Er fragt danach, was ihm mit Blick auf den bevorstehenden Sterbeprozess und Tod Trost und Halt geben kann.

Die Erfahrungen aus der Arbeit in den Altenpflegeheimen habe ich im Buch „Sinnorientierte Altenseelsorge. Die seelsorgliche Begleitung alter Menschen bei Demenz, Depression und im Sterbeprozess“ im Jahr 2013 im Neukirchener Verlag veröffentlicht. Durch zahlreiche Vorträge rund um das Thema Alter(n) wurde mir immer mehr bewusst, dass die Fragen, die sich dabei stellen, nicht nur für betagte Menschen von Bedeutung sind, sondern letztlich für jeden, der sich mit dem eigenen Altwerden beschäftigt. Die Überlegungen hierzu habe in meinem Buch „Happy-Aging statt Anti-Aging. Glücklich und sinnerfüllt alt werden“ zusammengefasst. In diesem Ratgeber will ich Wege aufzeigen, die vom Trübsinn zum Sinn führen. Die Hauptthese des Buches lautet: Ohne Sinn ist ein glückliches und erfülltes Alter(n) nicht möglich.

Wie kann man in unserer derzeitigen Gesellschaft, die auf Jugend und Selbstoptimierung ausgerichtet ist, glücklich und sinnerfüllt alt werden?

Indem wir uns fragen, für welche Werte es sich wirklich zu leben lohnt? Kann nicht auch ein vom Alter gezeichnetes Leben mit Falten und weißen Haaren und all den Beschwernissen, die es mit sich bringt, ein erfülltes und glückliches Alter sein? Wer sein Alter(n) wie einen bösen Feind oder eine unheilvolle Krankheit betrachtet und ihm in einer Anti-Aging-Haltung begegnet, wird sich schwertun, sich über jedes neu gewonnene Jahr zu freuen. Es kommt für mich darauf an, im Altern einen spirituellen Reife- und Wachstumsprozess zu sehen, der uns unserer göttlichen Bestimmung entgegenführt.

Wie findet jedoch ein alter, gebrechlicher Mensch seinen Sinn?

Es kommt darauf an, dass wir im Angesicht von Krankheit und Leid mit Viktor E. Frankl ein mutiges „Trotzdem ja zum Leben sagen“. Sein Leben zeigt in eindrücklicher Weise, dass auch ein durch schweres Leid gezeichnetes Leben seinen Sinn nicht zu verlieren braucht. Frankl hat vier Konzentrationslager, darunter Auschwitz, überlebt und deutlich gemacht: „Es kommt nicht darauf an, was man leidet, sondern wie man es auf sich nimmt.“

Gibt es „Übungen“, wie ich Sinnerfüllung bereits in jungen Jahren „trainieren kann“?

Für mich geht Sinnfindung immer über unsere fünf Sinne und das heißt, es kommt darauf an, wie wir unseren Alltag konkret gestalten. Wenn wir zum Beispiel beruflich gezwungen sind stundenlang vor dem Computer zu sitzen bei künstlichem Neonlicht, dann sollten wir uns regelmäßig kleine Auszeiten in der freien Natur gönnen. Durch kleine Achtsamkeitsübungen und stille Zeiten können wir wieder in Kontakt mit uns selbst kommen und dem Sinn nachspüren. Durch ein bewusstes Genießen von kleinen Mahlzeiten im Café oder Park oder eine kleine anregende Lektüre stärken wir uns an Körper, Geist und Seele. Auch hier gilt: Wer nicht mehr genießen kann, der wird irgendwann ungenießbar. Wer Sinn sucht, sollte sich Zeit für Besinnung nehmen.

Was kann ich als An- und Zugehöriger machen, wenn ich merke, dass jemandem der Lebenssinn abhanden gekommen ist.

Ich kann mit ihm gemeinsam überlegen, wie der Sinnfindungs- und Sinnstiftungsprozess angeregt werden kann. Im Althochdeutschen bedeutet Sinn (= „sinnan“) eine Reise unternehmen, eine Fährte suchen, aber auch nach etwas streben. Von Jesus stammt der Satz: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan.“ (Mt. 7,7) Für mich ist Sinnfindung nie ein einsamer Prozess der Selbstreflektion, sondern stets ein Beziehungsgeschehen. Der Mensch kommt nur zu sich selbst, indem er von sich wegkommt. Der Theologe Helmut Gollwitzer weist in diesem Zusammenhang darauf hin: „Erfülltes Leben gibt es nur in Beziehungen der Liebe. Suche ich Sinn, so muss ich Liebe suchen. Suche ich Liebe, so muss ich Liebe geben…

Das Buch von Pfarrer Gerhard Sprakties „Happy-Aging statt Anti-Aging – Glücklich und sinnerfüllt alt werden“ ist im Springer Verlag erschienen und kostet 17,99 Euro.