"Ihr Christen werdet alle sterben"

Panzer in Homs
Panzer vor der Marienkirche in Homs. Foto: privat

Interview mit Daniyel Demir über die Aramäer, die vor der Gewalt in Syrien fliehen konnten

Daniyel Demir ist Vorsitzender des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland. Zusammen mit einer Delegation des Weltverbandes der Aramäer besuchte er im Januar und Februar Flüchtlinge und Vertriebene dieser christlichen Konfession, die besonders unter dem anhaltenden Bürgerkrieg in Syrien leidet. Die Delegation besuchte Lager in Griechenland, der Türkei und im Libanon. Und sie traf hochrangigen Würdenträger und Politiker in den Regionen rund um das Bürgerkriegsland. Das Interview führte Susanne Borée.

 

Von welchen besonders schrecklichen Erlebnissen berichten die Flüchtlinge aus ihrer syrischen Heimat, die dann den Ausschlag für ihre Flucht gegeben haben? 

Geflohen vor der brutalen Gewalt des Krieges erzählen die aramäischen Flüchtlinge oftmals verzweifelt von in Trümmern liegenden Kirchen, Pfarrhäusern, Schulen, sowie Kinder- und Altenheimen in Homs, Aleppo, Ras Al-Ayn, Dair Al-Zor. Der Bürgerkrieg in Syrien hat die christliche Gemeinschaft besonders hart getroffen. Erst vor wenigen Tagen wurde die kürzlich fertiggestellte syrisch-orthodoxe Marienkirche in Dair Al-Zor im Verlauf der massiven Kampfhandlungen schwer getroffen und zerstört. 

In manchen Gebieten werden die Christen gezielt verfolgt. Islamistische Rebellen haben die aramäischen Christen samt ihren Priestern vertrieben. Die letzten Augenzeugen berichten von geplünderten und verwüsteten Kirchen. Auf den Straßenmauern prangen jetzt Todesdrohungen: "Ihr ungläubige Christen werdet sterben! Allah ist groß! Verflucht sind jene, die das Kreuz anbeten!" Erpresserischer Menschenraub und brutale Hinrichtungen von Priestern, gezielte Entführungen junger Mädchen und der drohende Militärdienst zwingen die aramäischen Christen ihre Heimat zu verlassen. Viele haben ihre Lebensgrundlage verloren, hungern und leben in Todesangst. 

Die Lage in Syrien erscheint aus europäischer Perspektive immer schwerer durchschaubar. Immer neue Fronten tun sich auf und neue Kriegsparteien erscheinen auf der Bildfläche. Worunter leiden die Aramäer ganz besonders?

Die Aramäer befinden sich im Kreuzfeuer zwischen regierungstreuen Truppen und Rebellen. Einerseits fürchten sie Repressalien durch das Assad-Regime, andererseits begegnen sie dem Hass islamistischer Befreiungskämpfer, die gegen Christen als Ungläubige und Kollaborateure hetzen. Ursache für die verstärkt auftretende Gewalt mit "konfessionsgebundenem" Hintergrund ist die zunehmende Beteiligung von Fundamentalisten und Dschihadisten, wie die militante Al-Nusra-Front. 

Diese Terrororganisation versetzt besonders die jungen Christen in Angst und Schrecken. Die einheimischen aramäischen Christen sind von Tag zu Tag einem erhöhten Verfolgungsdruck ausgesetzt. Inzwischen hat eine dramatische Flüchtlingswelle von aramäischen Familien eingesetzt. Sollten die Aramäer weiter zwischen die Fronten geraten, wird es für diese urchristliche Gemeinschaft innerhalb Syriens keinen sicheren Ort mehr geben, wohin sie ausweichen können. Im Angesicht des Todes werden immer mehr versuchen, ihre Heimat Syrien zu verlassen. Dann droht diesem christlichen Kernland ein Exodus der Christen ähnlich wie im Irak.

Gibt es nach Ihren Erfahrungen Unterschiede bei der Behandlung aramäischer Flüchtlinge je nach Land, in dem sie Zuflucht gefunden haben?

Die Eindrücke aus unserer Reise zu den aramäischen Flüchtlingen, die meist mittellos im Libanon, der Türkei und Griechenland gestrandet sind, haben uns allesamt tief erschüttert. Eine unterschiedliche Behandlung der Flüchtlinge resultiert aus den unterschiedlichen Umständen in den jeweiligen Nachbarstaaten, die mit diesen massiven Flüchtlingsströmen überfordert sind. 

Im Gegensatz zur Türkei und Jordanien richtet der libanesische Staat keine Lager für die Flüchtlinge ein. Der Libanon mit nur 4,5 Millionen Einwohnern trägt im Verhältnis zur weiter ansteigenden Flüchtlingszahl die weitaus größte Last. Die humanitäre Situation ist dort äußerst besorgniserregend. Das Land ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten schlichtweg nicht in der Lage den Flüchtlingsstrom zu bewältigen. 

Die Lage der aramäischen Flüchtlinge in Griechenland ist noch weitaus kritischer zu bewerten. Die Geschichten hinter den Menschen, meist jungen Familien mit ihren Kindern, haben uns sehr betroffen gemacht. Der griechische Staat ist gegenwärtig einfach nicht in der Lage, den Flüchtlingen die notwendige und dringend erforderliche humanitäre Hilfe zukommen zu lassen. Es fehlt an allem. Wegen der hohen Preise in Griechenland kommen viele kaum über die Runden. Die psychische Belastung ist spürbar, bittere Verzweiflung macht sich breit. In Griechenland kam es durch die neonazistische Gruppierung "Chrysi Avgi" (Goldene Morgendämmerung), die im Mai 2012 erstmals in das Parlament einzog, bereits zu gewalttätigen Angriffen auf aramäische Flüchtlinge. Und in Griechenland gibt es keine aramäische Gemeinschaft, die die Flüchtlinge auffangen und in ihrer Not unterstützen könntet. Lediglich zwei aramäische Mönche, die sich zum Studium in Athen befinden, stellen sich dieser Verantwortung und sind für die vielen Flüchtlinge Tag und Nacht zur Stelle. 

Welche Möglichkeiten der Soforthilfe für die Flüchtlinge gäbe es gerade jetzt im Winter? Was wird am nötigsten gebraucht?

Die Lage der Flüchtlinge in den völlig überforderten Nachbarländern ist sehr ernst. Sie leiden unter Kälte, Mangelernährung und schlechten Wohnverhältnissen. Horrende Rekordpreise für Brot, Unterkunft, Heiz- und Kraftstoffen, sowie ein drastischer Anstieg der Inflationsrate setzen den Flüchtlingen enorm zu. Ein weiteres großes Problem sind die häufigen und zum Teil lang andauernden Stromausfälle, die das Elend verschlimmern. Auch die medizinische Versorgung ist völlig unzureichend. Flüchtlinge, die nicht offiziell registriert sind, müssen sämtliche medizinischen Leistungen voll bezahlen. Die Prozedur der Registrierung dauert in dieser Notsituation mehrere Monate. Vor Ort erleben wir eine katastrophale humanitäre Situation. Auf unserer Reise im Libanon, der Türkei und Griechenland konnten wir durch den Flüchtlingen durch die Spendenaktion unseres Bundesverbandes "Vergesst uns nicht!" finanzielle Soforthilfe leisten. 

Wie können die christlichen Gemeinden in den umliegenden Ländern helfen, in denen die Aramäer Schutz gesucht haben?

Unsere syrisch-orthodoxen Bistümer in der Türkei in Istanbul, Mardin und Midyat, aber auch im Libanon in Beirut sowie Zahlé und Bekaa, haben eine große Anzahl von aramäischen Flüchtlingsfamilien in ihren Gemeinden, Kirchen und Klöstern aufgenommen und mit dem Nötigsten versorgt. Die Diözesen sind ebenfalls bei der Suche nach geeigneten Unterkünften, der Verpflegung oder medizinischen Versorgung, behördlichen Angelegenheiten und so weiter behilflich und leisten entsprechend ihren begrenzten Kapazitäten und finanziellen Mitteln Außerordentliches. 

Sie haben auch mit Würdenträgern und Politikern in den umliegenden Ländern gesprochen. Wie schätzen Sie deren Bereitschaft ein, Hilfe zu leisten?

Die Hilfsbereitschaft war angesichts dieser humanitären Katastrophe durchweg sehr groß. Sowohl der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus I., als auch der türkische Innenminister Muammer Güler oder das zuständige Ministerium für Flüchtlinge in Beirut haben uns ihre vollumfängliche Unterstützung zugesichert. 

Mit der umfassenden Dokumentation dieser Reise zu den aramäischen Flüchtlingen in den verschiedenen Ländern und den dadurch gewonnenen, wichtigen Erkenntnissen werden wir auf die Bundesregierung und die entsprechenden Hilfsorganisationen zugehen, um die humanitären Hilfsmaßnahmen vor Ort gezielter und effektiver mitzugestalten.

Wie könnte Europa Ihrer Ansicht nach in dem Bürgerkrieg eingreifen, ohne wie in Afghanistan zwischen alle Fronten zu geraten?

Eine militärische Intervention ist strikt abzulehnen. Die europäische und internationale Staatengemeinschaft sollte sich darauf besinnen, diesen wahnsinnigen Teufelskreis nicht weiter zu verschärfen und Kriegsparteien in keinster Weise mit Geld, Waffenlieferungen, logistischer Hilfe und so weiter zu unterstützen, stattdessen aber einen sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand zu fordern, damit die leidende syrische Bevölkerung unverzüglich und gefahrlos die dringend notwendigen Hilfsmaßnahmen empfangen kann. 

Wäre es sinnvoll, möglichst vielen aramäischen Flüchtlingen die Aufnahme in der EU zu ermöglichen oder wird gerade die Situation der Aramäer im Nahen Osten durch einen Exodus nach Europa geschwächt?

Bereits jetzt gibt es eine dramatische christliche Abwanderung aus vielen arabischen Ländern des Nahen Ostens. Ein solcher christlicher Exodus ist nun auch aus Syrien zu befürchten. In der Apostelgeschichte kommt der Begriff "Christen" erstmals überhaupt im Gebiet des heutigen Syriens vor. In Damaskus befindet sich das Haus des Hananias, der den Apostel Paulus getauft hat. Und in den ältesten christlichen Stätten Syriens bewahren die aramäischen Christen in ihrer Liturgie- und Umgangssprache bis heute ein wertvolles Kulturerbe - Aramäisch, die Muttersprache Jesu Christi.

Wenn solche Orte ihre einheimische christliche Bevölkerung verlieren, dann kann das die weltweite Christenheit nicht unberührt lassen. Viele Aramäer haben ihre Existenzgrundlage verloren, ihren gesamten Familienbesitz zurückgelassen und sind innerhalb Syriens auf der Flucht oder bereits außer Landes. Ganze Familien wurden in den angrenzenden Nachbarländern und auch europaweit auseinandergerissen. 

Damit das Christentum in Syrien jedoch nicht austrocknet, ist das Hinwirken auf eine sofortige Beendigung dieses brutalen Krieges unerlässlich. Wichtig ist insbesondere, dass die internationale humanitäre Hilfe als Selbsthilfe vor Ort, die Christen in Syrien letztlich auch erreicht, damit sie ihre Zukunft in ihrer Heimat wieder neu aufbauen können.

 

"Vergesst uns nicht" lautet die Spendenaktion des Bundesverbands der Aramäer in Deutschland für die Christen in Syrien. Spendenkonto: 0492942, BLZ: 672 700 24 (Deutsche Bank), Stichwort: Christen in Syrien