"Schöner als in der guten alten Zeit"

Turm der Würzburger St. Johannis-Kirche mit Ausstellungsplakat.
Turm der Würzburger St. Johannis-Kirche mit Ausstellungsplakat. Foto: bor

 

Wie sollten zerstörte Kirchen und Repräsentativbauten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erstehen?

"Da bin ja ich mit meiner Mutter!" Aufgeregt zeigt ein Gemeindemitglied auf die vergilbte Schwarzweiß-Aufnahme. Das Bild bewahrt die Kriegsruine der Würzburger St. Stephan-Kirche für die Nachwelt. Im Hof stehen Frauen mit ihren Kindern und Gießkannen in der Hand.

Sie wohnten dort in Baracken und nutzten jeden freien Fleck, um dort Kartoffeln oder Gemüse anzubauen. Diese rührende Geschichte berichtet Dekan Günter Breitenbach, der gleichzeitig Seelsorger an St. Stephan ist. Die derzeitige bayerische Landesausstellung "Wiederaufbau und Wirtschaftswunder", die in der Würzburger Residenz noch bis 4. Oktober angesehen werden kann, wird von den Innenstadtkirchen aus ihrer Perspektive ergänzt.

"Denn bei der Vorbereitung der Ausstellung fiel uns auf, dass der Wiederaufbau evangelischer Kirchen nur ganz am Rande gestreift wird", erläutert der Dekan. Ein Faltblatt lädt nun dazu ein, im Stadtbild nach weiteren Spuren dafür zu suchen, welche Konzepte zum Wiederaufbau nach der verheerenden Bombennacht vom 16. März 1945 verwirklicht wurden. Unter dem Motto "Würzburger Kirchen zur Landesausstellung" präsentieren sich überkonfessionell ein Dutzend Innenstadtkirchen.

Von außen wurde St. Stephan, wenige Gehminuten von der Residenzentfernt, nach dem Herbst 1950 originalgetreu wiederhergestellt. Nach einem statischen Gutachten sollten die noch bestehenden Mauern nicht mehr länger der Witterung ausgesetzt werden.

Der Weihnachtsgottesdienst 1951 wurde bereits zwischen den Gerüsten gefeiert, das Gotteshaus Ostern 1952 wieder eingeweiht. 1955 war auch die Inneneinrichtung vollendet. Sie wurde jedoch ganz neu gestaltet.

 

Was trägt für die Zukunft?

Denn "unter der Glorie Mariens" – so Dekan Breitenbach – hatten die Evangelischen in dieser ehemaligen Klosterkirche knapp 150 Jahre lang ihren Gottesdienst abgehalten. Während der Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts war ihnen St. Stephan zugesprochen worden. Nun, nach der Zerstörung der allermeisten tradierten Kunstwerke, lautete die Frage beim Wiederaufbau: Was haben wir als Evangelische in den Mittelpunkt zu stellen? Alles richtet sich nun auf die Kreuzesgruppe aus, die Helmut Amann schuf.

Maria und Johannes, von Gram gebeugt und verschreckt, richten ihren Blick auf den Gekreuzigten, dessen Körper zwischen Himmel und Erde ausgespannt ist und die Menschen bereits zu segnen scheint. Gerade nach dem Schrecken der Nazi-Zeit sollten alle Blicke auf den Gekreuzigten gerichtet sein, so Dekan Breitenbach. Die Landesausstellung stellt sich der Herausforderung, möglichst detailliert aufzuzeigen, wie sich "Wiederaufbau und Wirtschaftswunder" auf den Alltag auswirkten, nachdem Naziterror und Kriegszeit Deutschland dermaßen zugerichtet hatten.

Wollte man sich beim Wiederaufbau der zerstörten Innenstädte ganz auf moderne Erfordernisse oder die traditionellen Elemente ausrichten? Welche Traditionen waren wichtig? Diese spannungsreiche Frage scheint in Bayern eindeutig beantwortet zu sein. Gerade dort wurde so traditionell wie sonst nirgends in Deutschland aufgebaut.

Doch zeigt etwa der Würzburger Kiliansdom, dass gar nicht eindeutig war, was unter "alten Traditionen" zu verstehen ist: Anstelle der barocken Substanz entschied man sich quasi für eine Rückdatierung zugunsten der älteren romanischen Phase. Moderne, barocke und romanische Elemente mischen sich im Innenraum – was durchaus umstritten war. Die Westfassade verblendete man zuerst mit einer schlichten Bimssteinmauer. Jedoch legte man die historische Fassade kürzlich wieder frei.

Und beim Wiederaufbau erhielt etwa der barocke Marmelsteiner Hof, den Balthasar Neumann 1749 errichtet hatte, neue Dachgauben. Diese hatte der Barockkünstler zwar vorgesehen, aber nie verwirklicht. Schöner als in der guten alten Zeit sollte die gute Stube der Stadt werden. Dieser Wunsch herrschte in Nürnberg vor – der einzigen Stadt landauf, landab, die ihre Bürger über die Vorstellungen bei der Neugestaltung befragte.

Besonders interessant ist da eine Neuauflage des alten Stadtführers, den Rothenburg ob der Tauber 1950 herausbrachte. Keine Änderungen gegenüber der Vorkriegsausgabe wurden für notwendig gehalten – obwohl rund 40 Prozent der Altstadt zerbombt waren. Diese "Lücken im Stadtbild" wollte man so schnell wie möglich wieder schließen. Das Rathaus und die Stadtmauern sind originalgetreu rekonstruiert, doch viele andere Gebäude nur in Anlehnung an den alten Stil wieder errichtet. Neuschöpfungen wie die "Gerlach- Schmiede" wurden schnell zu beliebten Postkartenmotiven befördert. Ganz anders St. Johannis in Würzburg – neben St. Stephan eine der wichtigsten evangelischen Innenstadtkirchen.

War das Gebäude überhaupt notwendig? Einig war man sich nur darüber, dass sein ehemaliger neugotischer Stil nicht besonders wertvoll gewesen sei. Nach einigen Notbehelfen wurde das Gotteshaus erst 1957 wieder errichtet. "Doch war umstritten, wie die Kirche neu entstehen sollte", erklärt Pfarrerin Susanne Wildenfeuer, die die Ausstellung im Gotteshaus gestaltet hat. Der Kirchenvorstand entschied sich 1954 gegen einen Entwurf, der bereits den Architektenwettbewerb gewonnen hatte.

Vergleichbar wie in der Berliner Gedächtniskirche sollte der zerstörte Turm konserviert, aber nicht mehr ins Gebäude integriert werden. Ein weiterer Entwurf, der als Zweiter ins Ziel gekommen war, erhielt den Zuschlag: Nun wurde der Turm auf den alten Fundamenten wieder hochaufstrebend errichtet und erhielt sogar noch zwei Seitentürme. Die alten Steine verwendete man so weit wie möglich wieder. Es wurde kenntlich gemacht, welche Elemente neu und welche alt waren. Doch sorgte der Neubau, der traditionelle und moderne Elemente kombiniert, ebenfalls für Zündstoff. Gerade in dieser damals so umstrittenen Kirche stellen am Erntedanksonntag, zum Ende der Ausstellung, Zeitzeugen ihre Erinnerungen vor. Ein verschwommenes Gesicht am Rande des Geschehens wie bei dem Foto von St. Stephan prägt manche Erinnerungen mehr als große Entscheidungen.

Zur selben Zeit vergoldete man etwa in der Münchner Residenz bereits Details der Schnitzereien, während nahebei noch Tausende Menschen in Baracken hausten. Diese Gebäude boten sich als Identifikationssymbole an – besonders in einer Zeit rasenden Strukturwandels. So ist es auch kein Widerspruch, sondern gerade die andere Seite der Medaille, dass zeitgleich Firmen wie die "Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg M.A.N" in ihrer eigenen Werbung die dunklen Wolken rauchender Fabrik als Ikonen der Hoffnung zelebrierten.

Susanne Borée