Guter Begleiter in schweren Zeiten

Kritische Ausgaben des Sonntagsblattes wurden von der Gestapo beschlagnahmt. Kriegsausgabe des Sonntagsblattes - alle zwei Wochen ohne Kopfbild.
Kritische Ausgaben des Sonntagsblattes wurden von der Gestapo beschlagnahmt. Kriegsausgabe des Sonntagsblattes - alle zwei Wochen ohne Kopfbild. Fotos: Schmerl

Aus der Geschichte des Sonntagsblattes – Teil 2

"Thut mir die Liebe und betet für mich und meine Arbeit am Sonntagsblatt! Ich brauche dazu am allermeisten Gnade und Frieden; denn nur in der Sonne der göttlichen Gnade und nur mit dem göttlichen Frieden im Herzen kann diese Arbeit gedeihen." Dazu forderte zum Jahresbeginn 1892 der Herausgeber des "Sonntagsblattes" seine Lesergemeinde auf.

Pfarrer Wilhem Blendinger in Gotthofen hatte die Aufgabe vom Gründer des Blattes übernommen, der schon 1889 im Alter von 41 Jahren gestorben war. Blendinger hatte von Anfang an mitgearbeitet und kannte die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung. Seine Botschaft war klar und schlicht, auch wenn er die "Grundsünde unserer Zeit" anprangerte: "Die Gottentfremdung ist es, die sich steigert zur wahnsinnigen Erhebung gegen den Höchsten.

" Dieser Zeitgeist wurde besonders im "Politischen Wochenbericht" kritisch betrachtet. Er sollte den Lesern "Kunde geben von dem, was draußen unter den Völkern und daheim im Reich geschieht, was oft so ferne von uns liegt und seinen Wellenschlag doch bis in die stillste Häuslichkeit erstreckt und mit seinen Folgen das Wohl und Wehe des einzelnen berührt." Man muss die breite Wirkung dieser Informationen richtig einschätzen.

In vielen Häusern war das "Sonntagsblatt" das einzige Presseerzeugnis. Die Zahl der Bezieher war auf 49.000 gewachsen, als Wilhelm Blendinger 1901 starb. Sein Nachfolger wurde der Rothenburger Dekan Karl Ostertag. Er brachte Erfahrungen in der kirchlichen Pressearbeit mit.  Als Vereinsgeistlicher der Inneren Mission in München hatte er das dortige Gemeindeblatt redigiert. Seine geistlichen Betrachtungen sind noch heute lesenswert. Außerdem verstand er es tüchtige Mitarbeiter zu gewinnen.

Auch als Konsistorialrat in Bayreuth behielt er die Schriftleitung des Sonntagsblattes, das in den letzten Friedensjahren 70.000 Abonnenten hatte. Ostertag begleitete seine Lesergemeinde durch die schlimmen Jahre des ersten Weltkriegs. Im August 1914 schrieb er: "Nur in demütiger Buße lasst uns in die bevorstehende schwere Zeit hineingehen.

Lange schon erkannten wir die Größe des bei uns ins Riesenhafte gewachsenen Übels; die  Heimsuchung konnte nicht ausbleiben." Ostertag liebte sein Deutschland, doch von dem verbreiteten Hurra-Patriotismus hielt er sich fern. Als seelsorgerliche Hilfe für die Soldaten wurden jede Woche 30.000 Freiexemplare an die Front geschickt.

Die Revolution im November 1918 brachte dann das Ende des deutschen Kaiserreichs. Auch der bayerische König und mit ihm die Staatskirche verschwanden. Dieser Umbruch wurde von den Menschen, die ein langer Krieg seelisch zermürbt hatte, als große Verunsicherung empfunden.

Evangelisches Sonntagsblatt

Das Sonntagsblatt wollte in dieser Situation seiner Leserschaft und seiner Kirche ein guter Begleiter sein. Über die "Geistesverfassung der Gegenwart" stand im September 1921 zu lesen: "Herausgerissen aus den alten Ordnungen hat der Mensch keinen festen Boden mehr unter sich und jeder Versuch, sich einen neuen zu verschaffen, führt nicht zum Ziel.

... Was unsere verworrene, haltlose Zeit am meisten braucht, sind christliche, ihres Gottes gewisse Charaktere." Bald kam es zur wirtschaftlichen Katastrophe der Inflation. Sie traf auch das Blatt.

Das Bezugsgeld, das die Leser zahlten, war schon fast entwertet, wenn es beim Verlag ankam. "Für den Monat November 1923 muss ein Bezugspreis von 340 Millionen Mark erhoben werden", hieß es in der Ausgabe vom  28. Oktober. Gelegentlich gingen Spenden für den Erhalt des Blattes ein. Der Schriftleiter, seit 1921 Pfarrer Wilhelm Sebastian Schmerl in Gollhofen, schrieb zu der Frage: Wie steht es mit dem Sonntagsblatt?: "Gut steht’s, solange wir eine treue, opferwillige, werbende und fürbittende Lesergemeinde hinter uns wissen." Diese Treue bewährte sich auch in der Wirtschaftskrise nach 1929, in der viele Zeitschriftenihr Erscheinen einstellen mussten. Das Dritte Reich hatte sich schon etabliert, als das Sonntagsblatt sein 50-jähriges Bestehen feierte.

Die Festnummer vom Oktober 1934 brachte ein Grußwort des Landesbischofs Hans Meiser. Darin stand: "Unbeirrt durch den Wandel der Zeiten und unabhängig von aller Politik ist es (d. h. das Sonntagsblatt) seinen geraden Weg gegangen ... Gott rüste es auch für die Zukunft mit Kraft und Weisheit und segne weiterhin seinen Weg." Dies war bitter nötig und oft alles andere als selbstverständlich. Die Richtungen in der evangelischen Kirche und die Fronten zwischen Kirche und Staat ließen sich damals nicht so eindeutig beurteilen wie für eine Betrachtung im Nachhinein.

Zudem stand jede Berichterstattung in der Presse unter der aufmerksamen Kontrolle des Goebbelsministeriums und seiner "Reichsschrifttumskammer". Propagandatexte und Bilder wurden als "Auflagenachrichten" an die Redaktionen gegeben, die den Abdruck nachzuweisen hatten.

Aktuelle Nachrichten über den bald einsetzenden "Kirchenkampf" waren in vielen Fällen untersagt. Ab August 1935 musste der beliebte "Politische Wochenbericht" wegfallen. In den Sonntagsblattnummern dieser Zeit finden sich immer wieder groß gedruckte Aussprüche von "Vätern der Kirche". Luther-Zitate wie das folgende wurden von der Leserschaft als Bekenntnis verstanden: "Ich besorge hart des deutschen Landes ..." Manches stand auch "zwischen den Zeilen" und lässt sich in seiner Bedeutung nur noch schwer ausmachen. Im April 1936 stellte der Schriftleiter fest: "Das Halten christlicher Blätter ist heute mehr denn je ein Bekenntnisakt.

" Im Jahr 1937 wurden fünf Ausgaben des Sonntagsblattes vom Propagandaministerium moniert, 1938 am es zur Beschlagnahmung der Nummer 36 wegen eines Beitrags mit der Überschrift "Volk ohne Christus". Ihm wurde vorgeworfen "die öffentliche Ruhe und Ordnung in erheblichem Maße zu stören." Redaktion und Verlag mussten damals jede Woche entscheiden, wie viel offene oder versteckte Kritik man riskieren konnte. Das Sonntagsblatt hatte fast 80.000 Abonnenten, als der Zweite Weltkrieg begann.

Am 24. September wurde der erste Gefallene angezeigt. Er hieß Hans Däschner. Die Rationierung des Papiers führte dazu, dass jede zweite Ausgabe nur vier Seiten umfasste. Dabei fiel sogar das Kopfbild weg. Ein Jahr später kam das Aus für das Sonntagsblatt mit einem kurzen Schreiben der Reichspressekammer, Abt. Papierwirtschaftsstelle.

In der Ausgabe vom 25. Mai 1941 stand noch vor der Predigt: "Wir haben unseren Lesern mitzuteilen, dass unser Blatt mit dem heutigen Tage bis auf weiteres sein Erscheinen einstellt, um Menschen und Material für andere kriegswichtige Zwecke freizumachen." "Bis auf weiteres" sollte dann sehr lange dauern.

Christoph Schmerl

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