"Worte mit nicht vorstellbarem Inhalt"

Eine Stunde nach Schulbeginn steht Polizei im Eingang des Gymnasiums Carolinum in Ansbach (links) und eilen Notfallseelsorger herbei (rechts, Thomas Barkowski aus Heilsbronn), denn ein Amokläufer hat seine Mitschüler angegriffen. Fotos: Frank Wairer
Eine Stunde nach Schulbeginn steht Polizei im Eingang des Gymnasiums Carolinum in Ansbach (links) und eilen Notfallseelsorger herbei (rechts, Thomas Barkowski aus Heilsbronn), denn ein Amokläufer hat seine Mitschüler angegriffen. Fotos: Frank Wairer

Wie Notfallseelsorger den Ansbacher Amoklauf erlebten

Ansbach am späten Nachmittag, in der Pizzeria "Ascot" nahe dem Hauptbahnhof. Über den Fernsehbildschirm im Halbdunkel huschen stumme Bilder, sie zeigen Szenen aus der Innenstadt. Der Lauftext darunter handelt vom Gymnasium Carolinum und von einem Amoklauf. "Unglaublich", sagt hinterm Tresen der Wirt. Am Tisch sitzt eine korpulente Frau und schimpft: "Jeden Tag was anderes." Draußen rauscht der Feierabendverkehr. Der Berufsverkehr am Morgen rollte noch, da zündet ein 18-Jähriger – Georg R. – sein Schulhaus an.

Er drischt mit der Axt auf fliehende Kinder ein, haut der jüngeren Mareike auf den Kopf, so dass sie zwei Nächte lang mit dem Tode ringt. Zwei Jugendliche, die er in diesen Minuten verletzt, sind aus evangelischen Familien, ihre Eltern arbeiten in Einrichtungen der Kirche. Schnell hat ein anderer Gymnasiast, Johannes Knoblach, das Feuer gelöscht. Der Feuerwehr-Ehrenamtliche aus Herrieden rückt im Schutze von Polizisten vor in den dritten Stock seiner Schule. Er ist dabei, als sie Georg R. stoppen: Eine Beamtin schießt aus der Maschinenpistole, der Schüler bricht schwer verletzt zusammen.

Der Wahnsinn hat ein Ende. Doch der Schrecken dauert an. Davon berichtet Stunden später an diesem unglaublichen Donnerstag und dann noch einmal am Sonntagabend in einem schnell angesetzten ökumenischen Gottesdienst der evangelische Dekan von Ansbach, Hans Stiegler: "Wie so oft waren die Fenster des Dekanatsbüros geöffnet , wie öfters waren Martinshörner zu hören. "Aber "sie verklingen nicht, sondern nehmen in einem unnormalen Maße zu.

Erste Gerüchte über ein schlimmes Geschehen am Carolinum werden laut. Worte mit nicht vorstellbarem Inhalt. Berge des Schreckens." Im Schrank liegt eine Notfallseelsorger- Armbinde, die streift sich der Dekan über und bricht zur Schule auf. Dort sieht er einen Mann am Gehsteig liegen, "wahrscheinlich ein Lehrer im Schock".

Notfallseelsorger T. Barkowski war in Ansbach im Einsatz

Durch eine große Glasfront beobachtet  Stiegler Sanitäter und verletzte Schüler in der Turnhalle. Er erfährt, dass rund 700 Kinder und Jugendliche in die benachbarte Arbeitsagentur evakuiert worden sind.

Dorthin eilt der Dekan. Mehrere Notfallseelsorger sind schon da, zum Beispiel Martin Staebler aus Windsbach und Klaus Gruber, der katholische Pfarrer von Burgoberbach. Im Lauf des Vormittags treffen noch 20 Pfarrer und Pfarrerinnen ein. Ein Sanitäter führt Stiegler zur Klasse 9c. Was ihm da begegnet, erzählt der Dekan am Nachmittag in seinem Büro. Sein Schrecken will heraus – und so entschlüpfen ihm ungeschminkte Sätze, ehe er an das Seelsorgegeheimnis denkt. "Schreiben Sie das bitte nicht", korrigiert er sich.

Aber dass die 9c dem Täter gegenüberstand, das erfährt der Zeitungsleser zwei Tage darauf aus offizieller Quelle. Man liest auch das, was Stiegler nicht sagt: Molotow-Cocktails flogen ins Klassenzimmer, zum Glück entzünden sie sich nicht. "Absolut verschüchtert, mit Tränen in den Augen" sitzen die Kinder in der Arbeitsagentur, beschreibt Stiegler die Begegnung mit dieser Klasse. Er lädt sie zum Reden und Fragen ein, damit alle Gefühle heraus können. "Fast sofort" kommen Reaktionen, zum Beispiel, ob es Tote gegeben hat. Niemand weiß etwas Genaues in diesen ersten chaotischen Stunden.

Tags darauf, am Freitag, ist Ordnung eingekehrt. Im Hof und in der Turnhalle des Gymnasiums Carolinum stehen etwa 150 Kinder und Jugendliche zusammen.

Blumen, Kerzen und Papierblätter mit Botschaften zeugen davon, dass die Erinnerungsarbeit begonnen hat. Lehre r, Psychologen und ein Dutzend Seelsorger beider Kirchen sind vor Ort. Es ist verabredet, dass in den nächsten Wochen der evangelische Pfarrer Thomas Barkowski Kontakt mit der Schulleitung halten wird . Die Notfallseelsorger wollen abhängig von den Bedürfnissen Betroffener weiter verfügbar sein. Barkowski ist der stellvertretende Leiter des Religionspädagogischen Zentrums (RPZ) der Landeskirche im nahen Heilsbronn. Die Fachleute hier sind mit der Schulentwicklung befasst. Wie kann der evangelische Beitrag dazu aussehen? Daneben kümmern sie sich um die Supervision von Lehrern und unterrichtenden Pfarrern. "Die Seele des Seelsorgers ist beschäftigt mit solchen Eindrücken", prophezeit RPZ-Referent Gerhard Spangler für die Zukunft nach dem Großeinsatz in Ansbach.

Am ökumenischen Gottesdienst Sonntagabend in der Ansbacher St.- Johannis - Kirche sind Regionalbischof, Dekan und etliche Notfallseelsorger beteiligt. Vielleicht 900 Menschen füllen die Bankreihen und zusätzlich aufgestellten Stühle. Da tritt Hans Stiegler mit der ersten öffentlichen Äußerung der Verwandten von Georg R. vor die Gemeinde. Darin heißt es: "Wir, die Eltern und Schwestern mit unseren Familien, sind in dieser Stunde mit unseren Gedanken und Gefühlen bei Ihnen." Mit der Bitte an Gott" um deinen Beistand für alle Verletzten und Getroffenen" reihen sich die Angehörigen des Täters in die christliche Gemeinde ein – von fern und ohne erkennbare Reaktion der Anwesenden.

Frank Waire

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