Altes Dorfzentrum als neuer Mittelpunkt

Dorflinde
Koordinatorin Christine Halbrichter und Bürgermeister Reinhard Streng vor dem Mehrgenerationenhaus in der "Dorflinde" Langenfeld. Foto: Borée

Langenfelder Mehrgenerationenhaus als Begegnungszentrum - Und wo ist die Kirche?

Die Treffen zum Weltgebetstag finden dort ebenso statt wie Bewegungstanz. Dann gibt es mittags Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, die früher Schulschluss haben. Dazu einen Fahrdienst zu Behörden und Ärzten nach Bad Windsheim oder gar nach Erlangen. Jugendliche, die am "Freiwilligen sozialen Schuljahr" teilnehmen, kümmern sich mehrmals wöchentlich um die Bücherei über dem Café. Die Dorflinde Langenfeld macht alles möglich. 

Der Tausend-Seelen-Ort im Steigerwald zwischen Markt Bibart und Neustadt an der Aisch hat sich ein neues Zentrum geschaffen. Und das genau zwischen Bäckerei, Metzgerei, Getränkemarkt, Gasthaus, Rathaus und Jugendtreff und in Sichtweite der evangelischen Kirche - also inmitten der wichtigsten Infrastruktur des Dorfes. "Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Beides ergänzt sich gut." So die Einschätzung der ehemaligen Kindergärtnerin Wilma Kieslich. Sie ist in der Kirchengemeinde aktiv und engagierte sich auch lange Zeit im ­Café der Dorflinde. Die Arbeit der Engagierten ergänzt sich da ihrer Ansicht nach. Auch die Kirchengemeinde nutzt den Veranstaltungsraum der Dorflinde, der für rund 90 Personen ausgelegt ist.

Mit deren umfassendem Angebot will der ehrenamtliche Bürgermeister Reinhard Streng die Abwanderung aufhalten. In der gesamten angrenzenden Gemeinde Scheinfeld sind nach seinen Erkenntnissen im vergangenen Jahrzehnt etwa 600 der 12.000 Einwohner weggezogen. Langenfeld selbst pendelte sich in derselben Zeit bei rund tausend Einwohnern ein. Das Engagement für das Mehrgenerationenhaus verband seit seiner Wahl im Jahr 2002 die Bevölkerung miteinander. Und das, obwohl die allermeisten Dorfbewohner nur hier leben, aber in den umliegenden Städten arbeiten, zumal die B 8 direkt am Ort vorbeiführt. 

Bürgermeister Streng verdient seine Brötchen als Berufsschullehrer in Bad Windsheim, rund 20 Kilometer entfernt. Sein Sohn studierte in Wuppertal und wird wohl auch im Rheinland arbeiten. Christine Halbrichter, die als "Sozialmanagerin" die Dorflinde mit einer halben Stelle koordiniert, hat das seltene Privileg, nun auch vor Ort Arbeit gefunden zu haben. Doch ihr Ehemann arbeitet in Nürnberg, "35 Minuten für gut 50 Kilometer Fahrt." Das ist natürlich kein schlechter Schnitt für diesen Arbeitsweg!

So gut der Ort an das Straßennetz angebunden ist - mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hapert es allerdings. Die Bahnlinie von Würzburg nach Neustadt an der Aisch führt zwar durch den Ort, doch halten keine Züge mehr. Schulbusse verkehren, aber nicht viel mehr. Es sind Fahrdienste im Angebot, auf die gerade die ­älteren Einwohner gerne zurückgreifen. Zusätzlich gibt es sogar einen neunsitzigen Bus zu mieten. 

"Wenn man sich intensiv mit einem Projekt auseinandersetzt, gerät man Gefahr, dazu zu lernen", verkündet Reinhard Streng. Von Anfang hatte er ein Projekt zum Anfassen im Kopf. Da bot sich eine baufällige Scheune in der Dorfmitte geradezu an. Ein Team von Ehrenamtlichen - insgesamt 55 Dorfbewohner, wie der Bürgermeister schätzt - trieb die Planungen voran und kümmerte sich um notwendige Fördermittel. Nachdem es einen Zuwendungsbescheid der bayerischen Regierung im März 2007 gab, begann die Sanierung der Scheune zu einem Veranstaltungsraum und der Anbau eines Cafés mit Mittagstisch, das Ehrenamtliche jeden Werktag vorbereiten. Seit damals kümmert sich Christine Halbrichter als fest angestellte Sozialmanagerin um die Dorflinde. Bereits anderthalb Jahre später war das Mehrgenerationenhaus eröffnet. 

"Die Dorflinde ist ein Gebäude, aber auch ein Konzept", so Reinhard Streng weiter. Alle Vereine des Ortes können den Veranstaltungsraum kostenfrei nutzen. Eine Bücherei, Service- und Beratungsbüros runden das Angebot ab. Das Projekt wurde "in das Programm aktive Stadt- und Ortsteilzentren von bayernweit 47 Kommunen aufgenommen" und war sogar im Bundesprogramm "365 Orte im Land der Ideen" unter 2.600 Bewerbungen ausgewählt. 

Auch das nächste Projekt hat Reinhard Streng schon im Auge: Ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt in Sichtweite der Dorflinde sowie ein Angebot für die Tagespflege von älteren Dorfbewohnern.

Neben anderen größeren Veranstaltungen fand im vergangenen Herbst die Amtseinführung des neuen Pfarrers Manfred Lehnert in der Scheune der "Dorflinde" statt. Die Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde "ist so weit gut". Zwischen ihm und Bürgermeister Streng fänden regelmäßige Treffen statt. Engagierte Gemeindemitglieder arbeiten auch in der Dorflinde mit. Häufig dieselben Gesichter, so Wilma Kieslich, sind in beiden Bereichen engagiert. 

Die 55-jährige ehemalige Langenfelder Kindergärtnerin wohnt zwar im Nachbarort Ullstadt. Doch da dieser zur Kirchengemeinde Langenfeld gehört, ist sie vor Ort sehr aktiv: Seit 30 Jahren gestaltet sie den Kindergottesdienst, singt im Gospelchor, schreibt für die Gemeindebriefe und engagiert sich im Gebetskreis. Zu den "Brückengelenken" zwischen der Kirche und der politischen Gemeinde vor Ort gehört auch die Schülerin Theresa Heger. Sie machte gerade ein Freiwilliges Soziales Schuljahr in der Dorflinde. Auch die Neuntklässlerin ist gleichzeitig im Kin-dergottesdienstteam, bei der Betreuung der Konfirmanden und im Posaunenchor kirchlich ­aktiv. Beide Aktivitäten bereichern sie.

"Wir haben viele Dinge mit der evangelischen Kirchengemeinde gemeinsam", ergänzt Bürgermeister Streng. Beim "Weihnachtsmarkt der Vereine" sei die Kirche sowie auch der örtliche Kindergarten selbstverständlich mit dabei. Und dann fürht Reinhard Streng noch den Friedhof an, der den Protestanten gehört. Aber der denkmalgeschützte Aufgang dazu ist Eigentum der Ortsgemeinde. Die Umfassung setzte kürzlich gemeinsame Muskelkraft instand. Am Volkstrauertag sprechen abwechselnd Pfarrer und Bürgermeister. Und Wilma Kieslich ergänzt: "Nach den Beerdigungen treffen sich die Menschen zwanglos in unserer Dorflinde."

                             Susanne Borée                          

Mehr Informationen im Internet unter www.dorflinde-langenfeld.de

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