Buntglasfenster ohne Farben

Glasfenster-Einbau
Einbau der rekonstruierten rechteckigen Glasfelder unter den Augen von Hans Kistner und Merkendorfs Gemeindepfarrer Detlef Meyer. Foto: Wairer

Im Krieg zerstörte Kirchenfenster wurden jetzt erneuert

Im Chorraum der Merkendorfer Kirche, die im 2. Weltkrieg abgebrannt ist, hängen jetzt Rekonstruktionen von einigen der damals zerstörten Kirchenfenster.

 

Was Hans Kistner über jene Nacht erzählt, geht teilweise im Lärm des Trennschleifers oben auf dem Gerüst unter. Dort montiert ein Handwerker aus Paderborn bunte Glasfenster mit biblischen Motiven. Das Gerüst steht im Chorraum der Pfarrkirche "Unserer Lieben Frau" in Merkendorf. Die Fenster gehen auf den Nürnberger Alfons Abel zurück; der ist 1994 gestorben. 

Hans Kistners Augenzeugenbericht handelt von der Zerstörung der Abelschen Fenster in der Nacht vom 18. auf den 19. April 1945. "Der Panzer stand da drüben beim Denkmal", erzählt er und zeigt durch die dicken Mauern hinaus auf einen Punkt außerhalb der Kirche, "und hat hier hereingeschossen in den Chorraum. Aber danach hat die Kirche noch nicht gebrannt".

Kistner, heute 74 Jahre alt, erlebte es als achtjähriger Bub in Begleitung seines Großvaters mit. Der Großvater hieß Christian Kistner und war von 1920 bis 1950 Mesner in Merkendorf. (Danach machte bis 1980 sein Sohn Johann den Mesner.)

In jenen Apriltagen im zu Ende gehenden Krieg ist Schlimmeres in Merkendorf geschehen: Zivilisten und Soldaten - deutsche SS und amerikanische Army - sind gestorben. Mehr Zerstörungen hätten passieren können: "Vielleicht zwanzig US-Flieger sind hier drübergeflogen, ohne ihre Bomben abzuwerfen, weil die Deutschen schon raus waren aus dem Ort."

Aber an diese Minuten erinnert sich Hans Kistner mit besonderer Intensität: "Wie in der Nacht plötzlich die Kirche gebrannt hat, da ist mein Opa dort gestanden und hat bitterlich geweint." Tage oder Wochen später, der Merkendorfer weiß nicht mehr genau, wie lange nach den erbitterten Kämpfen es war, da hingen zerbrochene und zerschmolzene Reste der Kirchenfenster immer noch in den Rahmen.

"Dann hat man sie mit Gerüst und Leiter von oben runtergeholt", erzählt Kistner. Die gläsernen Bruchstücke wurden in einer Kiste gesammelt. Und als das wieder erbaute Gotteshaus im Jahr 1948 eingeweiht wurde, da stand die Kiste irgendwo in einem Winkel - und geriet in Vergessenheit.

Erst Mitte der 1930er Jahre waren diese Fensterfelder in die Merkendorfer Pfarrkirche gekommen. Sie stammten aus der Werkstatt von Alfons Abel, einem 1908 geborenen Nürnberger Künstler, der sich auf bleiverglaste figürliche Glasmalerei spezialisiert hatte. Das schreibt der Diplomdesigner Andreas Armin d'Orfey aus München in seiner jetzt erschienenen Dokumentation "Alfons Abel und seine Fenster für die Evangelisch-Lutherische Pfarrkirche Unserer Lieben Frau in Merkendorf". 

Nur zehn Jahre hingen die Abelschen Kirchenfenster im Chorraum - dann schmolzen und zerbrachen sie. Es handelte sich, notiert der Designer d´Orfey, um mindestens 15 Glasfelder mit biblischen Szenen. Sie zeigten beispielsweise das Pfingstereignis mit den zwölf Aposteln, die Kreuzigung oder das Gleichnis von der verlorenen Drachme. Abel war in Kriegsgefangenschaft, als seine Merkendorfer Arbeiten kaputtgingen. Sie wurden niemals erneuert, obwohl er nach Nürnberg zurückkehrte und beim Wiederaufbau seiner Heimat mitwirkte.

Hans Kistner erinnert sich nicht genau, wer die Kiste voller Bruchstücke wieder entdeckte. Jedenfalls präsentierte die Gemeinde im Jahr 1995, dem fünfzigsten Jahrestag der Zerstörung, einen Teil der alten Fragmente: mit Silikon aufgeklebt auf klarsichtigem Fensterglas.

Im vorigen Jahr nun lernte Kistner den Designer d'Orfey kennen. Der nahm sich, zusammen mit dem Paderborner Glasmaler Jan Wilhelm Peters der Bruchstücke an und schuf anhand alter Fotografien eine kunsthistorisch fundierte Rekonstruktion von sieben der Abelschen Fenster. Sechs dieser rechteckigen Scheiben wurden nun in die Fenster der Merkendorfer Pfarrkirche eingesetzt - eine Handwerker-Aktion vier Meter über dem Altar.

Es ist sein Wunsch gewesen, erzählt Kistner, dass in den erneuerten Glasfenstern auch die Zerstörungen des Krieges sichtbar wurden: Teile der biblischen Szenerien, nämlich die 1945 völlig verbrannten Teile, bleiben in den Rekonstruktionen farblos. "Das soll daran erinnern, dass man so einen Krieg nicht mehr machen soll", sagt der Merkendorfer. "Das kann man der Menschheit gar nicht tief genug einprägen, wie viel Sinnlosigkeit so ein Krieg bedeutet."

                             Frank Wairer


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