Die Rückkehr der Wildbienen

In Deutschland gibt es rund 550 Bienenarten - darunter ist auch die emsige Pelzbiene

Das war ein wunderbares Flugwetter in den vergangenen Wochen. ­Jedenfalls aus der Perspektive von Obstbauern und Kleingärtnern. Dennoch machten sich die Honigbienen in manchem Garten rar. Sie sind zum Sorgenkind der globalisierten Landwirtschaft geworden: Nicht nur die Varroa-Milbe macht den Bienenvölkern zu schaffen, auch Pestizide schädigen die Insekten, deren Bestäubungsleistung Äpfel und Birnen, Tomaten und Paprika zu verdanken sind.

Mancher Gartenbesitzer hängt darum gebündelte Bambus- oder Schilfrohre in die Obstbäume, stellt markhaltige Holunderstängel auf oder zimmert gleich eine ganze überdachte Nistwand aus Holz und Lehm: Krabbelstübchen für Wildbienen, die Verwandten der Honigbienen. Denn auch Wildbienen können Apfelblüten bestäuben, ja, sie können es oft sogar effizienter, weil sie den Pollen nicht als Päckchen am Bein, sondern als Staub an ihren Bauchhaaren transportieren, wie die Woll- und Harzbienen, Mörtel-, Löcher- und Mauerbienen.

Etwa 30.000 Wildbienenarten gibt es weltweit. "In Deutschland sind etwa 550 Arten bekannt", schätzt der Tübinger Biologe und Wildbienen-Experte Pauls Westrich. Anders als Honigbienen leben die wilden Bienenarten jedoch nicht in Völkern.

Wildbienenschutz ist in Mode gekommen. Eine einzige Pelzbiene besucht in ihrem Leben mehr als zehnmal soviel Blüten wie die emsigste Honigbiene. Kein Wunder also, dass in Südeuropa und Japan bereits Mauerbienen, in der Fachsprache "Osmien", die Mandelplantagen bestäuben. In den USA hat sich schon vor einigen Jahren ein neuer Markt aufgetan: Immer mehr Firmen spezialisieren sich auf den Handel mit Bestäubern. "Aber in Deutschland halte ich das für übertrieben", urteilt Westrich.

Die Wildbienenarten unterscheiden sich vor allem durch die Länge ihres Rüssels. Die kurzrüsseligen Seiden- und Maskenbienen haben sich auf Korbblütler spezialisiert, die Mauerbienen mit ihrem vier- bis sieben Millimeter langen Rüssel auf Rachen-, Lippen- und Schmetterlingsblütler, die langrüsseligen Langhorn- und Pelzbienen auf tiefe Blütenröhren. Holzbienen können diese sogar mit ihrem Rüssel anstechen wie Hummeln.

Viele Wildbienen wie die Glockenblumen-Mauerbiene oder die Heidekraut-Seidenbiene sind auf ihre Futterpflanzen symbiotisch angewiesen. Deshalb geht es ihnen auf Rapsfeldern bis zum Horizont gar nicht gut. "Sie werden krank, manche verlieren ihr Haarkleid, nachdem sie von einer neuen, gentechnisch veränderten Sonnenblumensorte genascht haben", sagt Christian Winter, Hüter des Bienenhauses im Botanischen Garten der Frankfurter Goethe-Universität.

Eine Nistwand mit angebohrten Holzscheiben und Lochziegeln genügt also nicht, um Wildbienenschutz zu betreiben. Auch Westrich hält die entsprechenden Futterpflanzen für wichtiger: Margeriten und Thymian, Rittersporn und Arnika, Flieder und Sonnenhut. In seinem Gartenlabor nahe Tübingen wachsen stets Glockenblumen.

Wildbienen nisten in Pflanzen­stängeln oder in Mauerritzen, in der Erde oder in rissigen Fensterrahmen. Dort bauen die Weibchen Brutzellen, tragen als Vorrat für die Larven ein Mousse aus Pollen und Nektar ein und betten ihr Eier daneben. Danach verschließen sie die Brutröhren mit Lehm. Die zweifarbige Mauerbiene bevorzugt leere Schneckenhäuser, die sie nach der Eiablage mit der Öffnung zur Erde dreht und mit Zweigen, Grashalmen und Moosstückchen tarnt. 

Unter den Wildbienen gibt es aber auch Schmarotzer: Die Kuckucksbienen nutzen fremde Nester zur Aufzucht der eigenen Brut. Ist die andere Mutterbiene auf Pollensuche, legt die Schmarotzerbiene ein Ei in deren schon vorbereitetes Nest. 

Wer Wildbienen schützt, fördert nicht nur die eigene Ernte, sondern auch die Artenvielfalt. Angst muss man nicht haben: Wildbienen sind friedliche Gartengenossen. Sie stechen nicht - es sei denn, jemand greift nach ihnen.

 

                              Claudia Schülke

 


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