"Von wegen finsteres Mittelalter"

Glaskugel
Ihre Erfahrungen beschreibt Doris Fischer im Buch "Mittelalter selbst erleben! Kleidung, Spiel und Speisen - selbst gemacht und ausprobiert", Konrad Theiss Verlag, ISBN 978-3-8062-2308-8, 14,90 Euro.

Vom Selbermachen mittelalterlicher Gegenstände zu einer neuen Sicht des Mittelalters  

Das Mittelalter hat Hochkonjunktur. Mittelaltermärkte locken soviele Besucher wie nie an. Austellungen, wie die am 20. Februar zu Ende gehende Ausstellung "Die Staufer" in Mannheim, versuchen das Mittelalter mit seiner Kunst und Kultur den Menschen näherzubringen. Autorin Doris ­Fischer will mit ihrem neuen Buch "Mittelalter selbst erleben!" einen Leitfaden an die Handgeben, Gegenstände und Kleidung nachzubauen und das Mittelalter nachzuempfinden. Wie weit das möglich ist, hat Sonntagsblatt- Redakteur Martin Bek-Baier im Gespräch mit ihr erörtert.

 

Welchen persönlichen Zugang haben Sie zum Thema Mittelalter?

Ich bin ausgebildete Grabungstechnikerin und meine erste Grabung war auf der Burg Ehrenfels am Rhein. Zeitgleich sollten wir für ein Stadtjubiläum einen historischen Markt organisieren. Damals fing es mit diesen Märkten an und das "Mittelaltervirus" hat mich gepackt.

 

Durch den Beruf fanden Sie zum privaten Interesse am Mittelalter? 

Archäologie und Geschichte hat mich schon immer interessiert. Dazu kommt das Interesse an Selbermachen, Nähen, Wollespinnen. Das war die Zeit der Ökobewegung und wir haben sowieso alles selber gemacht. Und so passte es zusammen. 

 

Warum sollte man mittelalterliche Gegenstände selber machen?

Wenn man über das Mittelalter nur liest bleibt es theoretisch. Durch das Selbermachen merkt man, was die Menschen damals handwerklich konnten und was sie im Künstlerischen geleistet haben - was wir so gar nicht mehr können. Man kommt aber durch das Selberprobieren in die richtige Richtung und sieht die Vergangenheit mit anderen Augen. Es ist eine Art der Bewunderung. Von wegen finsteres Mittelalter!

 

Das Mittelalter ist also so finster gar nicht gewesen?

Von den Lebensumständen her gesehen doch. Ich würde auf keinen Fall im Mittelalter leben wollen. Da würden die meisten von uns gar nicht überleben können. Aber die Leute haben natürlich nicht nur gelitten und gedacht "Ach Gott, wie schrecklich, hoffentlich werde ich nicht krank." Die haben genauso ihr Leben gelebt wie wir jetzt. 

 

Kann man das vergleichen? Wie war der Alltag?

Mein Spezialgebiet sind Kinderspiele im Mittelalter. Und da wurde immer angenommen, die Kinder mussten mit fünf Jahren schon arbeiten und hatten keine Zeit zum Spielen. Aber das ist natürlich nicht wahr. Es gab auch Freiräume. Es gab genug kirchliche Feiertage im Jahreskalender. Die Menschen haben ihre freie Zeit auch ­genutzt um Musik zu machen, zu tanzen und zu ­kegeln. Und die Kinder hatten Zeit zum Spielen. 

 

Welche Bedeutung hatten die kirchlichen Feiertage? 

Die Menschen haben im Glauben gelebt und ihn nicht angezweifelt. Von Geburt bis Tod waren sie in das kirchliche Leben eingebettet. 

 

Auf den heutigen Mittelaltermärkten ist das kaum zu erleben. 

Man darf nicht auf einen Mittelaltermarkt gehen und das Mittelalter erwarten. Ein Markt ist was er ist: er ist meist kommerziell. Man muss schauen, wo es Museen, Burgen oder Mittelalterdörfer gibt, die so ­etwas anbieten. Zum Beispiel die Bachritterburg südlich von Ulm oder die französische Burg Guedelon. Da ist der Anspruch ein anderer als bei einem Mittelaltermarkt. Die achten darauf, dass sie Handwerker und Gruppen haben, die versuchen es authentisch zu machen. 

 

Wie authentisch kann es überhaupt sein, Mittelalter zu erleben?

Authentisch so zu leben, scheitert schon einmal an meinem Inneren, an der Religion, mit der die Menschen damals lebten. Sie kannten keinen Zweifel am Glauben - und sie hatten ein ganz anderes Wissen als wir heute. Dann haben wir die handwerklichen Fähigkeiten gar nicht mehr. Ich kann es nie mit einem aufnehmen, der ein Handwerk seit seinem 14. Lebensjahr ausübt. Es kann immer nur eine Annährung sein. Man kann aber versuchen, es so gut wie möglich zu machen. Und ich habe Spaß daran, es weiterzugeben. Wenn Kinder kommen, meine Werkzeuge und Sachen ansehen, dann kann ich es ihnen zeigen. Ich sage aber immer: "Die früher haben es besser gekonnt."

 

Wie kommen Sie dann zu einer authentischen Rekonstruktion eines Objektes?

Es gibt viel mehr archäologische Funde, als die meisten Menschen ahnen. In den Museum liegt nur ein ganz kleiner Teil. Mich interessieren besonders die organischen Funde, die sich im feuchten Milieu erhalten haben, wie in einem Burggraben oder in den Kloaken. Unter Luftabschluss hält sich Holz und Leder. Diese Funde sind  gezeichnet und fotografiert. Die nehme ich mir als Vorbild. Recherche ist eigentlich meine meiste Arbeit. 

 

Wie aussagekräftig sind Vorbilder aus einer bestimmten Epoche für das ganze Mittelalter?

Viele Sachen haben sich über die Jahrhunderte gar nicht so sehr geändert. Die Zeit war ja nicht so kurzlebig wie heute. Manche Spielzeugformen haben sich vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit nicht geändert. Die Holzkreisel aus dem Hohen Mittelalter sehen noch genau so aus, wie die, die wir heute im Spielwarenladen kaufen können. 

 

Welchen Rat geben Sie, wenn man das Mittelalter erleben will?

Als Einstieg ist es gut sich Ausstellungskataloge anzuschauen. Die sind von der Sprache einfacher als wissenschaftliche Literatur und man sieht die Originale. Bitte schauen Sie keine Fantasiebücher an! Im Internet "Planet Schule" findet man gute Lehrfilme über die Stadt und Berufe im Mittelalter. Man sollte seine Kleidung, selber machen und nicht im Versand bestellen. Man kann ja mit ganz schlichter Kleidung und etwas Zubehör (z. B. einer Gürteltasche) anfangen und das Ganze nach und nach weiter ausbauen. 

 

Tipps im Internet: www.ausgraeberei.de; www.bachritterburg.de; www.guedelon.fr; www.kammerstein.de, Rittermarkt in Kammerstein, 30. April und 1. Mai

              

 

 

 

                     

 

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