Teil 5: Pfarrer Hanjo von Wietersheim

Wietersheim
Pfarrer Hanjo von Wietersheim vor der Kirche in Iphofen. Foto: Lechner

Iphofen. Der eine wäre ohne den anderen nicht denkbar. Es gibt diese zwei Seiten an Hanjo von Wietersheim, und nur so fühlt er sich wohl: Zum einen den Gemeindepfarrer in Iphofen. Zugleich ist der ehemalige Polizeibeamte und ausgebildete Rettungsassistent aber auch Beauftragter für Notfallseelsorge der bayerischen Landeskirche. Eine Kombination, die den Geistlichen schon von Anfang an begleitet hat, seit er sein Vikariat absolvierte.  

"Hier laufen verschiedene Stränge meines Lebens zusammen. Es ist eine Mischung aus Aufgaben, die meinen Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechen und eine rundum befriedigende Sache", sagt Hanjo von Wietersheim nach rund 20 Jahren, in denen er mehr gesehen und erlebt hat, als die meisten Menschen wahrscheinlich verkraften könnten und in denen er wahre Pionierarbeit geleistet hat. Denn: Als er sich damals aus seiner Tätigkeit als Polizist heraus entschloss, den Beruf des Pfarrers zu wählen, gab es so etwas wie einen Notfallseelsorge nicht. 

"Im Mittelalter war es zum Beispiel selbstverständlich, dass in den Spitälern Geistliche mit dabei waren. Der ganzheitliche Aspekt der Sichtweise von Leben und Sterben ging dann aber im Zuge der fortschreitenden Entwicklung der Medizin verloren", meint von Wietersheim.  

Irgendwann packte er die Sache selbst an. "Ich habe zu oft mitbekommen, dass es bei Notfällen im Straßenverkehr keine psychologische oder seelsorgerliche Betreuung gab. Die Kirchen hatten sich mit diesem Thema nicht mehr auseinandergesetzt", erinnert sich der 53-Jährige. Während des Vikariats baute er die Anfänge einer neuen "Kultur" in der Notfallseelsorge auf. Nach und nach seien die Barrieren abgebaut worden und schließlich entstand das, was heute ein flächendeckendes Netzwerk in ganz Bayern ist, das übrigens konfessionsübergreifend funktioniert. 

"Man denkt nicht mehr nur in der Kategorie Ewigkeit, wie man das vielleicht für eine Predigt tut, sondern in Minuten und Sekunden", beschreibt von Wietersheim den Unterschied zwischen einem "herkömmlichen" Pfarrersberuf und dem eines Notfallseelsorgers. Wenn das Handy klingele, heißt es schnell reagieren und sich auf ein Szenario einstellen, auf das man sich nicht vorbereiten kann. "Wenn ich zu spät an einen Unfallort komme, ist der Verletzte vielleicht schon weg in Richtung Krankenhaus - oder gestorben", erklärt der Geistliche. 

Doch gerade bei den Notfallseelsorgern muss penibel auf die "Auswahl des Personals" geachtet werden: Nicht jeder, der sich freiwillig als Seelsorger in Not meldet, ist auch geeignet für die Anforderungen. "Aufarbeitung ist wichtig. Hier hilft mir glücklicherweise meine Frau", lobt der Pfarrer seine Gattin. 

Neben einem soliden Zuhause brauche ein Notfallseelsorger auch ein gutes Team um sich herum - was er glücklicherweise habe. Daher habe er sich in den vergangenen Monaten auch etwas aus der aktiven Arbeit vor Ort zurückziehen können. Hanjo von Wietersheim betreut zwar nach wie vor die Teams und pflegt die Internetportale www.notfallseelsorge.de und www.notfallseelsorge-bayern.de. Allerdings nimmt er sich nach rund 20 Jahren Aufbauarbeit nun mal das Recht heraus, eher koordinierend und beratend tätig zu sein, als immer der "Mann an vorderster Front" sein zu müssen. Denn dann ist da ja noch die Arbeit in der Gemeinde, die zwar ebenso seine Aufmerksamkeit und sein Engagement fordere, die aber auch ein willkommener Ausgleich sei. 

                        Timo Lechner