Ins Leben zurückgebetet

Psalmauslegung
Auslegunge des 50. Psalms ind Melanchthons Handschrift. Bild: Archiv

Der Kitzinger Paul Eber pflegte Melanchthon - und auch Luther eilte ans Krankenbett

Es war wohl die schlimmste Zeit im Leben Philipp Melanchthons, diese Wochen des Juni 1540. Todkrank lag er in Weimar darnieder und der körperliche Zusammenbruch hatte auch seelische Ursachen. Melanchthon fühlte sich schuldig, das große Werk der Reformation beschädigt zu haben. Wie war es dazu gekommen?

Die kirchliche Erneuerung lag damals auch in den Händen der Landesherren. Einer der tüchtigsten und aktivsten war Landgraf Philipp von Hessen. Schon früh hatte er sich für das Anliegen Luthers entschieden, allerdings auch versucht, die Schweizer Reformation Zwinglis mit einzubinden. Das war nicht gelungen, doch mit Philipps politischem Geschick konnte man weiterhin rechnen. Und im "Schmal­kal­di­schen" Verteidigungsbündnis der Evangelischen spielte er eine wichtige Rolle.

Leider hatte der hessische Landgraf eine große Schwäche für Frauen. Als er wieder einmal sehr verliebt war, verlangte die adelige Dame eine richtige Eheschließung. Die Scheidung von seiner Gattin kam jedoch nicht in Frage. Im Blick auf die Patriarchen des Alten Testaments dachte er an eine Doppelehe.

Er holte dazu theologische Gutachten ein, auch von Luther und Melanchthon. Diese hielten dem Landgrafen zwar das große Ärgernis einer solchen Sache vor, stimmten aber im Dezember 1539 unter starken Bedenken und der Bedingung der Geheimhaltung diesem "Ausnahmefall" zu. Melanchthon nahm im März 1540 sogar an der Trauung teil. Natürlich blieb die Sache nicht geheim. Der Landgraf, aber auch die Gutachter hatten sich vor der Öffentlichkeit eine schreckliche Blöße gegeben.

Luthers starke Seele verkraftete die Folgen des falschen "Beicht-Rats". Der vorsichtige und zartfühlende Melanchthon mit dem Ruf eines "Lehrmeisters von Deutschland" konnte sich seinen Fehler nicht ver­zeihen. Besonders traf es ihn, weil er im Juni 1540 als wichtigs­ter Vertreter der evan­gelischen Lehre an einem Gespräch mit den Alt­gläubigen im pfälzischen Hagenau teilnehmen sollte. Schweren Herzens verabschiedete er sich von Luther, und der ließ für ihn im Gottesdienst beten. Er schickte Melanchthon auch noch einen Brief. Darin bat er den Freund, sich von dem Skandal mit dem Landgrafen nicht allzu sehr betrüben zu lassen.

Die Lage König Davids sei viel verzweifelter gewesen und doch zu einem guten Ende gekommen. Für Melanchthon war das kein Trost. In Weimar, wo sich auch Kurfürst Johann Friedrich aufhielt, brach er mit hohem Fieber zusammen. Selbstverständlich erhielt er die beste Pflege, besonders von Seiten seines jungen, aus Kitzingen stammenden Mitarbeiters Paul Eber. Aber der Zustand verschlechterte sich zusehends und der Kurfürst ließ außer seinem Leibarzt Ratzeberger auch noch den berühmten Erfurter Dr. Sturz an das Krankenlager kommen. Trotz seiner Schwäche schrieb Melanchthon einen Brief an Luther und drückte noch einmal seine Befürchtungen für die evangelische Sache aus. Dieser betete für ihn mit den Studenten in der nächsten Vorlesung.

In Weimar aber wurde immer deutlicher, dass menschlich gesehen nur noch einer die Wendung bringen konnte. Kurfürst Johann Fried­rich bat deshalb Luther dringend zu kommen und nach drei Tagen Reise stand dieser am Krankenbett. Er fand Melanchthon in einem schlimmen Zustand vor, unfähig zu hören und zu sprechen.

Der Arzt Ratzeberger berichtete später, Luther habe im ersten Schreck ausgerufen: "Behüte Gott, wie hat mir der Teufel dieses Organon geschändet!" Das griechische Wort bedeutet eigentlich Werkzeug, aber es lässt sich auch auf Menschen übertragen, die einer Sache dienen. Vor Luthers innerem Auge stand in diesem Augenblick wohl alles, was Melanchthon für die Sache des Evangeliums getan hatte. Dann ging er ans Fenster und sandte ein schier ungestümes Gebet zum Himmel. "Allda musste mir unser Herrgott herhalten, denn ich warf ihm den Sack vor die Tür und rieb ihm die Ohren mit allen Verheißungen von der Erhörung des Gebets, die ich in der Schrift zu erzählen wusste, dass er mich musste erhören, wo ich anders musste seinen Verheißungen trauen." Danach ergriff Luther die Hand des Freundes und versicherte ihm: "Du musst nicht sterben!" Er fügte noch hinzu, Gott habe wohl Ursache zu töten, aber er wolle nicht den Tod des Sünders, sondern dass derselbe sich bekehre und lebe. Melanchthon dürfe deswegen nicht dem Trauergeiste Raum geben und zum Selbstmörder werden, sondern müsse dem Herrn vertrauen, der töten und wieder lebendig machen, schlagen und wieder heilen könne.

Der Kranke begann daraufhin ruhig zu atmen. Nach einiger Zeit sah er Luther an und bat mit schwacher Stimme, ihn nicht aufzuhalten, er sei auf guter Fahrt. "Mitnichten", fuhr ihn Luther an. "Du musst unserem Herrn Gott noch weiter dienen."

Er ließ Essen zubereiten und als Melanchthon es nicht annehmen wollte, drohte er: "Hörst du, Philippe, du musst mir essen - oder ich tu dich in Bann." So musste Melanchthon gehorchen. Er aß ein paar Bissen und wurde langsam wieder gesund. Luther war fest überzeugt, seinen Freund vom nahen Tod wieder ins Leben zurück gebetet zu haben. Seiner Frau, der "hertzlieben Kethe, doctorin lutherin" schrieb er am 2. Juli, dass es ihm wohlgehe: "Das kompt daher, M. philipp ist warlich tod gewest und recht wie Lasarus vom tod aufferstanden. Gott der liebe vater horet unser gebet, das sehen und greiffen wir …"

Glücklich und dankbar war auch der Kurfürst. Er sorgte dafür, dass Martin Luther in Weimar gut zu essen und zu trinken bekam. Und er schenkte ihm einen kunstvollen Apfel aus Silber. Als Paul Eber kurz darauf nach Wittenberg zurückreiste, bekam er das kostbare Stück und den Brief an Käthe mit. Dieser hat den Auftrag treu ausgeführt. Zumindest der Brief ist noch erhalten und kann uns in seiner alten Schreibweise erfreuen. Melanchthon aber durfte der Kirche noch 20 Jahre lang dienen, als ein ihr von Gott geschenktes, auserwähltes Werkzeug.

Christoph Schmerl