Die St. Pauls-Kirche in Odessa war nach St. Petersburg und Moskau die drittgrößte lutherische Kirche im russischen Reich. 1976 wurde sie durch Brandstiftung zerstört. Jetzt wurde sie mit Hilfe aus Bayern wieder aufgebaut. Am Osterfest ist die Wiedereinweihung.
Die 1827 im neo-klassizistischen Stil erbaute Paulskirche diente lange Zeit als Orientierung für die Seeleute, weil sie am höchsten Punkt der Stadt stand - auf dem "Deutschen Hügel", wie es früher hieß. Die ersten Deutschen waren 1763 von Kaiserin Katharina II in der Mitte des 18. Jahrhunderts ins Land gerufen worden. Neben ökonomischen und politischen Vergünstigungen garantierte sie den ausländischen Siedlern die Möglichkeit, ihre Sprache, Kultur und Religionsausübung zu bewahren. Viele Bauern und Handwerker aus Deutschland folgten mit ihren Familien der Einladung der Zarin.
Die Stadt Odessa wurde im Jahr 1794 gegründet; schon im Jahr 1801 fanden hier erste evangelische Gottesdienste statt. 1895 zählte die Gemeinde schon 7.000 Mitglieder. Um den Platzbedarf zu befriedigen, entstand 1896/97 ein völliger Neubau der Kirche. Das imposante Gebäude im neuromanischen Stil hatte ein Fassungsvermögen von 1.200 Menschen.
Rund 10.000 Mitglieder zählte die evangelische Gemeinde in Odessa vor dem Ersten Weltkrieg. Nach der Übernahme Odessas durch die Bolschewiken wurde 1922 das Altarsilber der Kirche beschlagnahmt. In den folgenden Jahren kam das kirchliche Leben durch die antireligiöse Politik Stalins fast ganz zum Erliegen. Pfarrer Karl Vogt wurde 1937 verhaft und kam 1943 in einem Arbeitslager um. 23 Mitglieder der Gemeinde wurden im Oktober 1941 erschossen, darunter Theophil Richter, der Kantor der Gemeinde und Vater des Pianisten Swjatoslav. Er wurde der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt.
In den 1950-er Jahren wurde die Kirche zunächst als Fernsehstudio genutzt und ab 1957 zur Turnhalle umgebaut. Die Sanitäranlagen richtete man im ehemaligen Altarraum ein. Unzureichende Entwässerung führte in den folgenden Jahren zu einem fortschreitenden Verfall der Bausubstanz. Jahrelang wurde über einen Abriss des vernachlässigten Baus diskutiert.
Dass die Paulskirche zwei Weltkriege und die kommunistischen Nachkriegsjahrzehnte überlebte, sei ein reines Wunder gewesen, sagt Jurij Dikij, heute Klavierdozent an der Musikakademie in Odessa. In den 1960er Jahren kämpfte er für die Kirche: "1966 war für das Gotteshaus das gefährlichste Jahr", erinnert sich Dikij. Damals sollte die Kirche gesprengt und an ihrer Stelle ein Studentenheim erbaut werden. Dikij schrieb zusammen mit anderen Odessiten einen Brief an das Kultusministerium in Moskau mit der Bitte, die Paulskirche zu verschonen. Man suchte nach Beziehungen, um sicher zu gehen, dass das Schreiben mit hunderten von Unterschriften wirklich im Ministerium landet. So hatten auch die in Moskau lebenden berühmten Odessiten wie der Pianist Emil Gilels und der Geiger David Oistrach den Brief signiert. Als Postboten wählen die Odessiten Jurij Dikij. "Wir hatten gehofft, dass die schöne aber marode Kirche nicht zerstört, sondern renoviert wird und so zumindest als Konzertsaal mit Orgel erhalten bleibt", sagt Dikij.
Tatsächlich blieb die Kirche dank des Protestes der Bevölkerung erhalten. In den nächsten Jahren sammelte man in Odessa Geld für eine Renovierung. Doch am 9. Mai 1976 brannte das Gotteshaus vollständig aus: Feuerwehrleute konnten den Brand nicht löschen, weil die Wassermenge, die die kleinen Lkws lieferten, nicht reichte. Am nächsten Morgen war die ehemalige evangelisch-lutherische Kirche eine Ruine. Man vermutet heute, dass die Verantwortlichen des Wiederaufbaus der Kirche selbst das Feuer gelegt haben, um zu vertuschen, dass die gesammelten Gelder "verloren" gegangen waren.
Jahrzehnte gab es in Odessa offiziell weder Deutsche noch ein evangelisch-kirchliches Leben. Erst seit der Unabhängigkeit der Ukraine wagen die Menschen wieder, ihre deutsche Nationalität zu bekennen: Bei der letzten Volkszählung waren es etwa 4.000. Im Jahr 1990 wurde die Gemeinde neu gegründet.
Der Weg zum Wiederaufbau war steinig. Zuerst musste mit dem Staat um das Grundstück und die Kirchenruinen gerungen werden. Fünf Jahre hat das gedauert. Dank der Unterstützung der bayerischen Landeskirche, des Martin-Luther-Bundes, des bayerischen Sozialministeriums und der Bundesregierung begann im Jahr 2005 der Wiederaufbau des Hauptschiffs und der Anbau des modernen "Deutschen Zentrums St. Paul". Es soll ein multifunktionales Begegnungszentrum werden. Zur Förderung dieses Projektes wurde die "Evangelische Odessa-Stiftung" gegründet.
Uland Spahlinger der neue Bischof der lutherischen Kirche in der Ukraine, hat seinen fünfzigsten Geburtstag im vergangenen Februar noch in München-Kleinhadern gefeiert. Doch seit dem Sommer lebt er im restaurierten Gemeindehaus St. Paul in Odessa. Er spricht schon ein wenig Russisch und kommuniziert mit den Gemeidemitgliedern wie ein echter Odessit - mit Mimik und Gestik. "Dass ich mal in der Ukraine lande, hätte ich nie gedacht", erzählt Spahlinger. Nach einem kurzen Besuch am Schwarzen Meer waren Spahlinger und seine Frau Christine fasziniert vom besonderen südländischen Charme der Stadt. Für fünf Jahre ist er nun Bischof der DELKU (Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine) und freut sich auf die Wiedergeburt des Gotteshauses.
Natalia Veresova