Sind Tiere oder Engel unser Vorbild?

Diskussionsteilnehmer
Heiner Bielefeldt, Claudio Ettl vom Caritas-Pirckheimer-Haus, Abraham de Wolf, Muhammad Sameer Murtaza, Ekkehard Wohlleben als Leiter der Evangelischen Stadtakademie Nürnberg und Erzbischof Ludwig Schick im Gespräch.Foto: Borée

Podiumsdiskussion zur Religionsfreiheit – eines gefährdeten Grundrechtes

Respekt vor anderen – und dies auf Augenhöhe. Dazu verhilft das Recht auf Religionsfreiheit. Da waren sich alle Gesprächspartner einig. Und es ist eine Blume im Strauß der anderen Grundrechte: die Meinungs- und Versammlungsfreiheit gehören dazu, sonst lässt sich auch die Religionsfreiheit nicht richtig ausleben.

Professor Heiner Bielefeldt, der langjährige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Religions- und Glaubensfreiheit, Abraham de Wolf als Vorsitzender des Vereins „Torat HaKalkala – Verein zur Förderung der angewandten jüdischen Wirtschafts- und Sozialethik e. V.“ und in Vertretung seiner Ehefrau  Rabbinerin Elisa Klapheck, Muhammad Sameer Murtaza als Islamwissenschaftler bei der Stiftung Weltethos und Erzbischof Ludwig Schick als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz waren da miteinander im Gespräch.
Am Tag der Menschenrechte, am Dienstag, 10. Dezember, hatte die Evangelische Stadtakademie ins Nürnberger eckstein zu einer spannenden Podiumsdiskussion geladen. Jährlich an diesem Datum hat sie ein Menschenrecht besonders im Blick.

Eine interreligiöse Gruppe hatte sich bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung in der Straße der Menschenrechte getroffen. Sie zogen gemeinsam auf einem „Lich­terweg“ zu der Veranstaltung im eckstein – und kamen trotz des Christkindlmarktes rechtzeitig an.

Religionsfreiheit ist an vielen Orten der Welt bedroht, das ist eine Binsenweisheit. Nicht nur im Nahen Osten werden religiöse Minderheiten verfolgt, darunter auch Christen. Bei uns in Deutschland nehmen antisemitische und islamfeindliche Übergriffe stetig zu.

Zwei Seiten derselben Medaille oder werden hier Minderheiten gegeneinander ausgespielt? Eine Verschwörungstheorie schiebt ausgerechnet Juden die Schuld zu, in Deutschland einen „Bevölkerungsaustausch“ zugunsten muslimischer Flüchtlinge zu organisieren.

Andererseits richtet sich Antisemitusmus gegen uns alle, nicht nur gegen die Bevölkerungsgruppe, die direkt damit angegriffen wird. Da waren sich die Gesprächspartner einig. Denn es wertet letztlich jede Art ab, anders zu sein. Ebenso sei es mit der fortwährenden Diskussion um kopftuchtragende Muslima. Jede Frau verbände wohl etwas anderes damit – stereotype Zuschreibungen seien zunehmend fehl am Platz.

Wie viel Integration ist möglich und wie viel Pluralität nötig? Diese Frage klingt hoch aktuell, ist jedoch schon mehr als 230 Jahre alt. Der Gelehrte Moses Mendelssohn (1728–1786) stellt sie in seinem Werk „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“. Darauf wies Heiner Bielefeldt hin. Leider ist diese Schrift wenig bekannt – eine genaue Lektüre wäre sicher noch einmal gewinnbringend. Behandelt wird das Verhältnis zwischen Religion und Staat. Mendelssohn rief zu einer pluralistischen Gesellschaft auf, in der alle Bürger gleich sind. Bekannter wurde der Gelehrte dann als Vorbild für Nathan den Weisen von Gotthold Ephraim Lessing.

Bielefeldt beklagte jedoch, dass nicht alle Staaten mit einem säkularen Selbstverständnis auch wirklich tolerant seien. Über Nationalismen käme auch religiöse Enge durch die Hintertür wieder zurück wie etwa in Russland oder Indien.

In anderen Ländern wie Großbritannien oder Dänemark, in denen die Königin gleichzeitig religiöses Oberhaupt sei, herrsche viel mehr Toleranz.

Bei dem Verhältnis von Religion und Toleranz lohnt es sich genauer hinzusehen. Muhammad Sameer Murtaza wiederum machte darauf aufmerksam, dass es in der muslimischen Welt im Wesentlichen drei Positionen zu der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und dem dort verankerten Recht auf Religionsfreiheit gäbe: Ablehnung oder einen vermittelnden Weg in engem Dialog mit eigenen kulturellen Traditionen. Und dann die Rückbindung von  Religionsfreiheit auf muslimische Traditionen. Im Vergleich etwa zur christlichen Welt des Mittelalters hatten islamische Gesellschaften Möglichkeiten des Zusammenlebens mit Vertretern der anderen Schriftreligionen entwickelt. Dies war aber kein „Respekt auf Augenhöhe“, sondern eher ein labil austariertes Gleichgewicht.

Abraham de Wolf wiederum verwies auf den italienischen Renaissancegelehrten Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494), der schon zu seiner Zeit über die Würde des Menschen nachdachte. Er hob die Willensfreiheit als besonderes menschliches Merkmal hervor. Der Mensch habe die Freiheit zwischen dem Wesen von Tier und Engel zu wählen. Der Gelehrte versuchte eine Übereinstimmung der philosophischen und religiösen Lehren aufzuspüren. Schon vor mehr als 500 Jahren wollte er damit zur allgemeinen Verständigung und zum Frieden beitragen. Er wurde aber vergiftet.

Viele brillante Gedankensplitter funkelten in einer spannenden und anregenden Diskussion. Über weite Teile hinweg war sie wie ein anspruchsvoller Parcour durch die Geistesgeschichte. Eine besondere Herausforderung ist es auf jeden Fall, sie auf einen Punkt zu bringen.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick erinnerte daran, dass die europäische Idee der Menschenrechte als Verteidigung für die Rechte von anderen entstanden seien. Er verwies auf Bartolomé de Las Casas, der sich im 16. Jahrhundert gegen die Unterdrückung der amerikanischen Ureinwohner einsetzte.

Vielleicht seien sie uns inzwischen zu selbstverständlich geworden. Doch sei eine Verteidigung wichtiger denn je – auch wenn sich bis vor kurzem kaum vorstellen ließe, dass sie wieder in Frage gestellt würden. Respekt ist notwendiger denn je – schon aus religiöser Verantwortung.

                   Susanne Borée

 

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