Reife Spuren der Person

Rembrandt-Buch

Lebenslinien in Gottes Hand: Rembrandt-Porträts spüren Linien des Lebens nach

Selfies mit Pinsel und Feder – dauert das nicht viel zu lang für eine Momentaufnahme? Dennoch benutzt der Kunsthistoriker Claus Volkenandt mehrfach diesen Begriff in seinem neuen Buch „Rembrandt. Die Porträts“. An Rembrandt van Rijn (1606–1669) galt es sich besonders in diesem Herbst zu dessen 350. Todestag zu erinnern.

Individualität zeige sich erst dann, wenn das Leben seine Spuren in einem Gesicht einer Person hinterlassen habe: Beim Betrachten der Bilder werden wir „Zeuge, wie sich Ereignisse im Gesicht zu Lebensspuren transformieren, ohne sagen zu können, um welches Ereignis es sich handelt. Wir sehen ‚nur‘, dass etwas Spuren hinterlässt, wobei es eine eminente Leistung Rembrandts ist, genau diesen Moment greifbar zu machen“, so Claus Volkenandt.

Der Künstler spiele in vielen Jugendbildnissen um 1630 Stimmungen im eigenen Gesicht durch, um bestimmte Affektlagen oder die Ausdrucksformen von Mimik und Körpersprache anhand des eigenen Gesichts durchzuprobieren. Viele Dutzend Mal zeichnete er sich selbst.  

Licht und Schatten im Leben

1631 kam Rembrandt nach Amsterdam. Zunächst war er ein gefeierter und begehrter Künstler. Doch schon um 1638 gab es juristische Auseinandersetzungen mit den Verwandten seiner Frau ums liebe Geld. Sie warfen ihr Verschwendung vor, da Saskia ihr Erbe von etwa 40.000 Gulden fast aufgebraucht hatte. Rembrandt verklagte die Verwandtschaft nun wegen Beleidigung.

Anfang 1639 kaufte er mit Hilfe eines Kredits ein Haus. Doch 1642 verstarb seine Ehefrau Saskia, nachdem schon zwei ihrer drei Kinder früh das Zeitliche gesegnet hatten. Rembrandt malte nun längere Zeit nur noch wenig. Er kümmerte sich rührend um den einzigen überlebenden Sohn Titus. Eine bewegende Zeichnung dieser Zeit zeigt einen Mann beim Füttern eines Kindes.

Der Künstler musste 1656 Konkurs anmelden. Die Gläubiger versteigerten Haus und Gemälde. Doch ließen sich damit offenbar nicht alle Schulden begleichen. Ob er nun tatsächlich nicht gut mit Geld umgehen konnte oder die Trauer nur langsam verarbeitete, ist da letztlich nicht mehr die Frage.

Sohn Titus musste sich langwierig das Erbteil aus der Konkursmasse erstreiten. 1660 stellten Titus und Hendrickje Stoffels, Rembrandts langjährige Lebensgefährtin nach etwa 1649 und Mutter einer Tochter, den Maler in ihrer Kunsthandlung ein. Er führte so sein Werk weiter.

Diese Zusammenhänge zwischen Kunst und Leben werden in Claus Volke­nandts Buch nicht immer restlos deutlich. Für den Kunsthistoriker erscheint dieser Hintergrund wohl allzu selbstverständlich.

Nach einer Schaffenspause suchte Rembrandt künstlerisch ab etwa 1652 nach neuen Ausdrucksformen und Darstellungsmöglichkeiten traditioneller Motive. Viele Werke zeichnen sich durch starke Hell-Dunkel-Kontraste aus. Da sie in den vergangenen 350 Jahren deutlich nachgedunkelt sind, erscheinen viele von ihnen heute etwas düster.

Reife Porträts

In diesem Zusammenhang sind auch die späteren Portärts zu sehen. Das Leben hinterlässt nicht nur Falten und Runzeln in einem Gesicht, sondern macht jemanden „zu einer anderen Person“. Es formt seine Individualität. Der charakterliche Kern einer Persönlichkeit sei nach Lebensaltern veränderbar. „Das Selbst ist in Bewegung, lebenslang“, so Claus Volkenandt.

Rembrandt malte nun deutlich reifere Porträts, die seine „neue Sicht auf den Menschen als eines sich mit den Lebensaltern ständig verändernden Individuums“ zeigen. Einen festen unveränderlichen Charakterkern einer Person gab es für ihn nicht mehr, so Volkenandt.

Es ist im Kern die alte Frage nach Anlagen oder Umwelteinflüssen. Rembrandt neigte da trotz seiner Begabung nach Volkenandt offenbar Letzterem zu. Hätte es ohne seinen Bankrott seine reiferen Porträts nicht gegeben? Gehört er zur Ernte seines Lebens dazu?

Am Ende seines Lebens malte Rembrandt zunehmend ältere Menschen. Ihr körperlicher Verfall wird deutlich gezeigt. Zugleich strahlen sie aber Würde und Autorität aus.

Und Rembrandt greift etwa beim Bildnis von Margaretha de Geer zu weiteren künstlerischen Mitteln: Ihre Kleidungsstücke sind 1661 bereits unmodern und entstammen zudem verschiedenen Phasen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, so Claus Volkenandt. Und weiter: Sie „eröffnen eine lebensgeschichtliche Situation, die sich, wie für den erntenden Augenblick typisch, nicht an bestimmten biografischen Stationen oder Geschehnissen orientiert, sondern in der Perspektive von Lebensspuren ... das gelebte Leben in einem Moment versammelt hat“. Das Alter ist auch Reifezeit.

Rembrandts späte Selbstporträts zeigen ihn selbst zunehmend vom Leben gezeichnet. Gleichzeitig porträtierte er sich in historischen Rollen. Als Beispiel hierfür bespricht Claus Volkenandt ausführlich das Selbstporträt als Apostel Paulus von 1661. Eine Reihe sehr ähnlicher Altersporträts (siehe Buchcover) führte es an. Die weiße Kopfbedeckung lenkt die Helligkeit in die oberen Partien des Gesichts. Der Künstler erscheint ernst, fragend, fast zweifelnd.

Ganz gegensätzlich dann ein weiteres Selbstbildnis als lachender Zeuxis um 1663/64. Macht sich der Künstler über diejenigen lustig, die er porträtiert? Oder, so meint Volkenandt: Nicht uns, „sondern in einer ironischen Wendung sich selbst“ und seine Kunst, die er distanzierter betrachten kann?  

Sicher beinhalten auch diese Porträts Wiedergaben ganz unterschiedlicher Aspekte seiner Person. Doch erscheinen sie keinesfalls als flüchtige Momentaufnahmen. Schließlich gehörte zu einem solchen Kunstwerk mehr als nur ein Klick. Sie sind offenbar sorgfältig durchdacht – vom Meister des Lichts und der Schatten. Claus Volkenandt bietet da interessante Ideen.

Der Begriff des Selfies schlägt die Brücke ins Heute. Doch Rembrandt hat wohl mehr als eine Armlänge Abstand zu sich selbst. Er blickte tiefer. Sein Umgang mit den Spuren des Lebens, des Reifens ist auch heute spannend.

Buchtipp: Claus Volkenandt: Rembrandt. Die Porträts. Mit 100 farbigen Abbildungen 40 Euro, ISBN: 978-3-8062-3957-7, wbg Theiss 2019, 176 S.

                   Susanne Borée