Suche nach Wegen zum Wohl der Patienten

Ursula Memhardt

Außerklinische Ethikberatung in Rothenburg will Angehörige und Experten vernetzen

Den „Glauben an den Sinn verloren“ zu haben: Darunter leiden Menschen in ihrer letzten Lebensphase besonders. So berichtet es Ursula Memhardt, die gerade in Rothenburg die „Außerklinische Ethikberatung“ mit aufbaut. Gerade das Wohl des Patienten will diese im Blick behalten. „Wir entscheiden nichts“, erläutert Ursula Memhardt. Schon gar nicht für einen unheilbar Kranken, der sich selbst nicht mehr äußern kann. Trotzdem soll seine letzte Lebensphase möglichst reichhaltig gestaltet sein.

Welche Wege sind zu gehen, damit es dem Patienten möglichst gut geht? Dies ist oft schwer zu beantworten – gerade wenn die Schwerstkranken nicht mehr bei Bewusstsein sind, ihr Leben nur noch von Apparaten abhängt und sie keine eindeutigen Patientenverfügungen verfasst haben. Oder dort lassen sich nie alle möglichen Fälle im Sterbeprozess erfassen. Doch ausdrücklich versteht sich die „Außerklinische Ethikberatung“ nicht als Sterbeberatung. Sie will möglichst viele Angehörige und Experten an einen Tisch bringen. Oft sind sie sich selbst nicht einig, wie gute nächste Schritte aussehen können.

Was kann zum Wohl des Schwerstkranken geschehen? Spirituelle Angebote, intensive Seelsorge oder Rituale, die besonders auf die Situation des Kranken angepasst wurden, helfen auch gerade seelische Schmerzen zu verringern. Sind sie weniger real als das körperliche Weh? Verschlimmern sie dies nicht?

Die Ethikberatung geht manchmal noch einen Schritt zurück: Was ist mit einem Demenzkranken, der sich unzweifelhaft weigert, sein vertrautes Zuhause zu verlassen und in ein Pflegeheim zu gehen? Die Betreuer und Angehörigen sind mit der Pflege zu Hause überfordert?

Seit vielen Jahren koordiniert Ursula Memhardt den Rothenburger Hospizverein mit besonderem Engagement. Nun baut sie die „Außerklinische Ethikberatung“ mit auf. Der Welthospiztag am 12. Oktober bietet eine gute Gelegenheit, ihre Arbeit vorzustellen. Zwar sind die zukünftigen Berater selbst noch in der Fortbildung, aber gleichzeitig wollen sie ihr Vorhaben schon fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankern. Im kommenden Jahr wollen sie dann aktiv werden.

Da gilt es auch, kulturelle und religiöse Unterschiede im Blick zu behalten. Für Menschen mit christlichem Hintergrund ist es natürlich schön, Vergebung bei Zerwürfnissen schon vor dem Tod zu empfangen. Aber auch danach ist es nicht unmöglich, dies in Gottes Hand zu legen – ob sie an das Jüngste Gericht glauben oder nicht. Für Muslime hingegen ist es ungleich wichtiger – danach ist es für sie zu spät.

Dies und viele weitere Erfahrungen bringt Ursula Memhardt aus der Hospizarbeit mit. Doch da ist ihr Tun auf die Begleitung der Schwerkranken und die Entlastung der Angehörigen beschränkt. Ebenso wenig, wie die Hospizhelfer Pflegedienste  übernehmen, können sie als Berater tätig sein – auch wenn sie öfter darauf angesprochen werden.

„Im Zweifel für das Leben!“ So lautet der Grundsatz der Medizinethikerin Leyla Güzelsoy. Neben ihrer Tätigkeit als Ärztin am Klinikum-Nord in Nürnberg ist sie in verschiedenen medizinethischen Arbeitskreisen und Komitees engagiert. Und sie hat die Rothenburger Ethikberatung bereits durch einen Einführungsvortrag unterstützt.

„Durch eine gute Palliativversorgung kann viel Not abgewendet werden“, erklärt Ursula Memhardt. Zum Beispiel durch eine gute Einstellung des Patienten mit Morphinen. Das ist heutzutage so gut möglich, dass Schmerzen, Angstzustände und Übelkeit effektiv begrenzt werden und sich die Nebenwirkungen in Grenzen halten lassen. Sie kennt einen Fall, bei dem der Patient so gut eingestellt war, dass er sogar noch Auto fahren konnte und durfte. Natürlich spielt da der Suchtfaktor eine Rolle. Doch ist dies für Menschen in der letzten Lebensphase noch von Bedeutung?

Um ihre Arbeit auszufüllen, brauchen die Berater eine intensive Ausbildung. Das ist nicht umsonst. Und die zukünftig Engagierten sollen nicht darauf sitzen bleiben. Daher hat sich die „Außerklinische Ethikberatung“ in Rothenburg nun als eingetragener Verein organisiert. Spenden sind gerne willkommen.

Die Ethikberatung selbst soll ohne Bezahlung erfolgen. Einmal natürlich, damit jede und jeder sie anfragen kann. Aber auch, damit deutlich wird: Die Berater haben keinerlei Interesse an dem Ausgang der Gespräche. Denn manchmal zweifeln Angehörige von Schwerstkranken das Handeln von Pflegediensten oder einer Klinik an: Wollen diese nicht möglichst lange ihre Patienten behalten? Sind manche Therapien noch hilfreich?

Unterstützung findet der Verein durch die Stadt Rothenburg. Sie ist ebenso wie der Freistaat Bayern der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ beigetreten. Zunächst gründete sich im ehrenamtlichen Seniorenbeirat der Stadt Rothenburg ein Arbeitskreis Ethik, aus dem der jetzige Verein entstand. Vertreter aller relevanten Berufsgruppen sind da aktiv: Krankenpfleger und Ärzte, Repräsentanten der Kirchen und Juristen.

Daher kann die Gruppe zunächst nur in Rothenburg und Schillingsfürst aktiv werden. Nachahmer in anderen Gemeinden und Regionen sind aber erwünscht. Auch die Rothenburger Gruppe hat nicht das Rad der Ethikberatung neu erfunden, sondern hat Vorbilder beim EthikNetz Mainfranken oder in der Nürnberger Hospizbewegung. Auch die Paula-Kubitschek-Stiftung unterstützt sie. Diese hat das Ziel, schwerstkranken Menschen zu bestmöglicher Versorgung zu verhelfen.

Die Engagierten in der Ethikberatung wollen also dem Leben dienen. So weist Ursula Memhardt darauf hin, dass manche ältere Menschen aus den Niederlanden ganz bewusst in deutsche Seniorenheime gehen. Dort würde ihnen in der letzten Lebensphase viel weniger das Gefühl vermittelt, eine Last zu sein. Dies ist in Holland stärker verbreitet, da ja dort auch die Möglichkeit legaler aktiver Sterbehilfe besteht. Dies soll aber ausdrücklich für Ursula Memhardt und die Aktiven nicht das letzte Wort sein. Dazu gehört es, ihm Fülle einzuräumen.

Kontakt zur Ethikberatung unter E-Mail info@ethik-rothenburg.de oder Tel. 09861/8704016 (Mailbox).

Der Hospizverein in Rothenburg bietet wieder ab April 2020 eine Hospizbegleiterausbildung an. Anmeldung ab sofort möglich bis Ende März 2020 unter info(at)hospizverein-rothenburg.de. Mehr Infos unter www.hospizverein-rothenburg.de.

Weiteres zum Hospizverein und Trauerbegleitung in Rothenburg unter 0151/54809353 oder E-Mail ursula.memhardt(at)hospizverein-rothenburg.de

                   Susanne Borée