Nele Süß überlebte – ein Wunder?

Nele Süß
Der Hund Pippa ist immer an der Seite von Nele Süß und schenkt ihr eine gehörige Portion Flausch und Hundeküsschen. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand: Schwieriger Neubeginn nach wochenlangem Koma

Vorsichtig dreht Nele Süß den Kronkorken um. „Ach!“, grinst sie, „das ging letzte Woche noch nicht!.“

Anfang des Jahres sprach ich mit Nele Süß, die den Ratgeber „Wege aus der Nettigkeitsfalle“ geschrieben hatte. Kurz vor der Veröffentlichung des Artikels über sie und dieses Buch änderte sich ihr Leben  grundlegend. Mitten in ihrem Körper reißt die Hauptschlagader. Diese  lebensbedrohliche Lage beschert ihr einen Hubschrauberflug, eine große Not-OP am Herzen, einige Schlaganfälle und fünfeinhalb Wochen künstliches Koma.

Derzeit ist die 41-Jährige damit beschäftigt, vieles, was vor einem halben Jahr selbstverständlich für sie war, wieder zu erlernen. Kleine Dinge greifen, laufen, ohne zu stolpern, sehen ohne Flackern und Flimmern vor den Augen.

„Es ist ein Wunder!“, sagen die Familie, die Freunde und Bekannten. Nur fühlt es sich oftmals für Nele Süß nicht wie ein Wunder an, sondern wie „ein großer Scheiß!“ Ihre Woche besteht derzeit aus durchgeplanten Terminen bei Therapeuten.

Als alles gut war

„Davor“ war ihr Leben in Ordnung. Der Teilzeitjob als Öffentlichkeitsreferentin füllte sie aus, ebenso wie ihre Tätigkeit als Coach und als Leiterin eines Seminarhauses. Ehemann Basti und Pippa, ihr großer Hund halten sie zusätzlich auf Trab.
„Ein schönes Leben!“, sagt sie. Dazu war sie soeben frisch gebackenene Autorin des eben erschienen Buches „Wege aus der Nettigkeitsfalle“ geworden.

Eine Herzensangelegenheit. Sie selbst hatte oft genug „ja“ gesagt, obwohl sie „nein“ meinte. So entstand diese Idee, einen Ratgeber darüber zu schreiben. „Ich glaube, dass wir alle recht gut wissen, was uns gut tut und was nicht gut tut. Wir haben nur irgendwann verlernt da Grenzen zu ziehen.“ Es geht um bekannte Glaubenssätze, gefällig und nett sein zu müssen, um gemocht zu werden. Und um erlernbare Strategien, aus diesen Fallen herauszukommen, ohne sich zu verbiegen. Viel Humor und eigene Lebensgeschichten sind in vielen lehrreichen Anekdoten zu finden.

Lebensgefahr

Doch dann kam der Tag, der alles veränderte: „Ich muss wohl noch ein Taxi gerufen haben, damit ich ins Krankenhaus komme. Scheinbar fühlte ich mich nicht gut.“ Dort angekommen, ging alles sehr schnell. Es wurde ein Riss in der Hauptschlagader entdeckt. Sie wurde mit einem Hubschrauber in die nächste Uniklinik geflogen. „An all das habe ich keine Erinnerung mehr. Und möchte sie auch gar nicht haben!“, erzählt sie.

Viele Wochen lag sie im Koma. Einer Freundin wird sie später sagen: „Ich habe fünfeinhalb Wochen geschlafen und den größten Mist geträumt!“

Der Ehemann, die Eltern und engste Freunde bangten an ihrem Bett. Wie sie je wieder aufwachen würde, war ungewiss. Denn unter der Operation an ihrer Hauptschlagader hatte sie etliche Schlaganfälle erlitten. Würde sie ein Pflegefall sein? Würde sie wieder an einem bekannten und normalen Leben teilhaben können? Etliche Versuche scheiterten zunächst, sie aus dem künstlichen Koma aufzuwecken.

Ein Schutzring

Freunde von ihr bauten in dieser Zeit eine Art Schutzring um sie. Das Bild einer Herde Elefanten sollte den Schutz für sie darstellen – als das derzeit schwächste Glied in der Kette. Eine der besten Freundinnen rief zu einer Sammelaktion für Wackeldackel auf. Sie zieren das Cover ihres gerade erschienenen Buchs. Sie sollten Nele Süß erheitern und stärken, sollte sie aus dem Koma aufwachen. „All das wusste ich natürlich nicht, als ich im Koma lag, aber ich bin überzeugt, dass man es auf eine andere Art und Weise merkt, wie man umsorgt wird!“, sagt sie heute.

„Sei froh, dass du überlebt hast! Es ist ein Wunder!“, hört sie die Menschen um sich herum sagen. „Hab Geduld – schau, was du schon wieder gelernt hast!“ Manchmal möchte sie ihnen sagen: „Ich bin aber hin und wieder nicht froh, überlebt zu haben!“ Das ist keine Undankbarkeit, sondern die Verwunderung darüber, für etwas dankbar zu sein, was ihr vor dem Koma ganz selbstverständlich gelang: Schuhe zubinden? Das konnte sie seit Kindertagen. Nun ist es schwierig und muss mühsam geübt werden. „Dafür soll ich immerzu dankbar sein?“

Zurück ins Leben

Auch wenn es mitunter sehr hart ist für Nele Süß: Das Leben will gelebt werden. Ihre Einschränkungen nach der Operation mit den Schlaganfällen schwinden von Woche zu Woche. Schnürsenkel binden ist mittlerweile kein Thema mehr. Der Besuch beim Augenarzt wird ihr vielleicht eine neue Brille bescheren, die ihr Sehen verbessern wird.

So kämpft sie sich Schritt für Schritt wieder in ein neues Leben. Vielleicht wird sie einen weiteren Ratgeber schreiben über diese Zeit, vielleicht auch nicht. Vieles ist noch ungewiss in dieser Zeit. Das Grundvertrauen in das Leben, die Sorglosigkeit ist erst einmal weg und muss erst wieder aufgebaut werden. Eine neues „Wofür“ muss gefunden werden.

Doch Süß ist eingebettet in ein Netz von Familie und Freunden. Und das ist mehr, als manch einer hat. Der Ratgeber ist im humbold Verlag erschienen unter der ISBN-Nr.: 3869106808 und kostet 19,99 Euro.

                   Inge Wollschläger