Sehnsucht, die Leere zu übertönen?

Susanne Borée
Susanne Borée

Schlechte Laune trotz schönstem Sonnenschein: Warum sollten wir uns aus unseren Routinen durch ein wenig Spätsommer reißen lassen? Das alte Ehepaar hat dies jedenfalls gar nicht nötig! Er nörgelt wegen jeder Nichtigkeit, sie jammert. So ergänzen sich ihre Dialoge vollständig. Ganze Dramen entwickeln sich aus der Lebensfrage, ob die Butterdose nun zwei Zentimeter weiter rechts zu stehen hat.

Ist es auch eine Art die Leere zu übertönen? Schließlich scheint bei ihnen das Leben weitgehend da­raus zu bestehen, den Tagesablauf auszufüllen – unterbrochen von dem Ereignis eines Arztbesuches.

Zu Besuch dort merke ich schon nach kürzester Zeit, wie sich die innere Unruhe in mir ausbreitet. Es scheint ein wirklicher ansteckender Virus zu sein, diese innere Unzufriedenheit. Bald bin ich auch wegen kleinster Geringfügigkeiten genervt. Oder sind es fortwährende kleine Machtfragen?

Wie kann ich daraus aussteigen? Da hilft nur konsequente Freundlichkeit, die aber immer mehr Kraft kostet, je länger diese Grundstimmung an meiner Lebenskraft saugt. Ist dies wirklich unfreundlich oder „nur“ unachtsam? Jedenfalls eine Spirale, die sich selbst zu verstärken scheint. Bald schon kommen viele Fragen: Ist mein Leben ausgefüllter? Immerhin versuche ich die lichten Momente, den Wind auf meiner Haut auszukosten. Mich nicht in den Routinen des Immergleichen zu verlieren. Gelingt das? Vielleicht nicht immer.

Aber was bleibt sonst inmitten unserer Unzulänglichkeiten? Wir sind immer unterwegs zu einem Ziel unserer Sehnsucht. Das Leben zu genießen und dabei möglichst anständig zu bleiben sowie seinen eigenen Anforderungen halbwegs zu genügen – geht das? Jedenfalls ist es kein Grund für schlechte Laune, wenn es nicht erfolgreich genug ist. Dazu ist die Zeit zu schade.

Alle wollen glücklich sein, so schreibt Elke Heidenreich: Doch die Menschen brauchen die Unglücklichen und die Sensiblen, deren Sehnsucht nach den kostbaren Momenten im Leben bleibt. Sie bewegen die Welt – hoffentlich. Allerdings nicht, wenn sie sich der Unzufriedenheit hingeben.

Wenn ich das Haus des alten Ehepaares im Schatten des zugewucherten Gartens verlasse, will ich aber keinen Schlussstrich unter vertane Zeit ziehen. Die Stunden dort mahnen, mich nicht den Schatten hinzugeben, sondern den Sonnenschein zuzu­lassen.

                               Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst