Das Liebgewonnene überdenken

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Viele Menschen um mich herum ziehen derzeit um: in kleinere Wohnungen, in Einrichtungen des betreuten Wohnens, in Wohngemeinschaften. Allen ist gemein, dass sie sich von vielem Liebgewonnem trennen. Es bekümmert dabei einige sehr, was mit ihren irdischen Besitztümern einmal passieren soll: wer will die scheußliche Brosche von Tante Hedi einmal  haben? Wohin mit zehn Metern gut gefülltem Bücherregal? Das gute Geschirr aus der Gründerzeit? Die Gemälde, die einst für teuer Geld gekauft wurden und die heute die Enkel belächeln?

Und so „misten“ einige von ihnen aus, verschenken oder verkaufen und manches schmeißen sie auch einfach weg.

Viel Schmerz ist dabei. Aber auch Erleichterung zu wissen, dass man nun mit „leichtem Gepäck“ reisen kann.  Dass Ballast abgeworfen wurde und man nun wieder „durchatmen“ kann.

„Je weniger Zeug man hat, desto mehr Zeit bleibt fürs Leben“, sagt Margareta Magnusson, die Autorin des Buchs „Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen“. Sie muss es wissen: Nach zig Umzügen in ihrem Leben ist die heute „zwischen 80- und 100-jährige“ Schwedin Expertin für etwas, was sich „döstädning“ nennt. Lose übersetzt mit „Aufräumen vor dem Tod“.

Nur: Ums Sterben gehe es zunächst nicht, sondern um Lebenszeit, die besser genutzt werden sollte. Je weniger ich abstauben, reparieren, hegen und pflegen muss, desto mehr Zeit bleibt für das Leben an sich. Besitz erschwert.

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, können wir im Psalm 90. 12 lesen.

Es geht in dem Büchlein, das sie geschrieben hat, nicht nur um sich selbst. Sie denkt auch an die, die zurückbleiben. Und deren Lebenszeit, die sie mit dem Entrümpeln der Altvorderen verbringen werden.

In ihrem Buch schlägt sie vor, über dieses Ausmisten zu reden: mit Eltern und Großeltern. Und sich selbst gleichzeitig zu fragen, ob ich wirklich die fünfte Pfanne brauche. All das ist nicht wirklich existenziell. Denn: in die Ewigkeit werden wir nichts von unserem vertrauten Besitz mitnehmen können. Je eher wir anfangen loszulassen und zu entrümpeln, desto weniger groß wird der Schmerz eines Tages sein.

Inge Wollschläger, Mitglied der Redaktionskonferenz

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