Das Wort des Lebens

Brücke
Foto: Bek-Baier

Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind‘s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

                     aus Johannes 5, 39–47

Der 1. Sonntag nach dem Trinitatisfest widmet sich dem Wort Gottes. Das scheint naheliegend. Der dreieinige Gott und das Wort Gottes gehören zusammen, das geht leicht über die Lippen. Man kann darüber aber auch stolpern. „Wort Gottes“ – was ist damit eigentlich gemeint? Wer fromm ist und die Bibel meint, redet vom Wort Gottes. Doch in welcher Weise ist die Bibel denn Gottes Wort?

So, als sei das dort Geschriebene von Gott selbst gesagt oder eingegeben? Historisch wahr – ein Tatsachenbericht, überprüfbar und zu beweisen? Einer näheren Betrachtung hält dies kaum stand. Wer kann beweisen, was nur der Glaube sieht und versteht?

Aber beiseitelegen lässt sich der Gedanke, dass die Bibel Gottes Wort ist, auch nicht. Schon deswegen nicht, weil im Neuen Testament die Schriften genau so bezeichnet werden. Gemeint sind das Gesetz und die Propheten – allen voran Mose, was wir gemeinhin das Alte Testament nennen. Diese Schriften sind die Schrift der jungen Kirche – das Wort Gottes. Diese Einschätzung teilt die junge Kirche mit dem Judentum. Nur: sie bewertet das

Wort Gottes – sein Reden und was schriftlich überliefert ist – anders. Wenig optimistisch. Vor allem, was seine Wirkung angeht. Denn um diese geht es doch, will das Wort Gottes sich als solches erweisen. Der Evangelist Johannes zeigt, dass dem Wort Gottes noch nie wirklich Glauben geschenkt wurde. Kurz gesagt: Das Wort löst nichts aus. Das war schon immer so.

Wenn dem Wort Gottes geglaubt wurde, dann auf eine Weise, die den Geist dessen, worum es diesem Wort zu tun war, getötet hat. Die Klage darüber führen schon die Propheten. Paulus und die Evangelisten schließen sich dieser harten, ja vernichtenden Kritik umstandslos an.

Nun meine niemand, diese Polemik habe ausschließlich dem Judentum gegolten und sei womöglich der Freifahrtschein für einen religiös begründeten Antisemitismus. Weit gefehlt. Denn Antisemitismus, religiöser zumal, ist immer falsch und lässt sich nicht begründen. Zuallerletzt aus den Schriften des Neuen Testaments. Denn gemeint sind wir. Jeder, der mit dem Wort Gottes zu tun hat, ist zwei Gefahren ausgesetzt: Das Wort nicht ernst zu nehmen, oder nur das ernst zu nehmen, was gut zur eigenen Überzeugung passt. Sich einzelne Worte herauszupicken und den Geist, der dieses Wort Gottes trägt, großzügig zu übergehen.

Doch das wahre Wort Gottes, ist Jesus Christus selbst. Auf diese Weise bekommt dieses Wort Gottes eine ganz neue und tiefe Bedeutung. Wer diesem Wort Gottes glaubt, vertraut nicht auf ein Wort oder einen Satz. Zumindest nicht in erster Linie. Sondern es ist das Vertrauen in den menschgewordenen Gott. Der Glaube an dieses eine Wort Gottes ist eine lebendige Beziehung, die sich aus der Schrift speist, von ihr getröstet wird, über sie nachdenkt. Jesus Christus belebt das Wort: er macht es für uns zu dem Wort für den Tag, so wie wir es brauchen. 

                Kirchenrätin Andrea Wagner-Pinggéra,

                Referentin des Landesbischofs