Noch immer steht die Frage im Raum: Ist die Welt, in der wir leben, ein Produkt des Zufalls, wie atheistische Naturforscher behaupten, oder ist sie das Werk eines göttlichen Geistes, der größer ist als unser menschlicher Geist, wie es die Christen glauben. Dieser Streit ist nicht mit beweisbaren Argumenten zu entscheiden, weil die Antworten auf die hier anstehenden Fragen jenseits unserer Beweismöglichkeiten liegen, sondern kann nur mit Erfahrungen, die wir machen, und mit Nachdenken darüber entschieden werden.
Zufälle spielen in unserem Leben eine nicht unerhebliche Rolle, aber nirgends können wir beobachten, wie aus blinden Zufällen eine geordnete Welt hervorgeht. Durch Zufälle können Veränderungen eintreten. Aber es ist nicht zu erklären, wie durch Zufälle eine Bewegung entsteht, in der sich alles vom Einfachen zum Komplizierten, vom Niederen zum Höheren entwickelt. Diese Höherentwicklung ist durchgehend gegeben. Sie ist an keiner Stelle unterbrochen oder gar in eine Gegenbewegung verwandelt worden.
Eine ähnliche Bewegung vom Niederen zum Höheren findet im Bereich der Technik statt. Auch in der Technik werden aus einfachen Geräten immer kompliziertere Systeme entwickelt. Darin sind sich Bekenner des Schöpfungsglaubens und Vertreter der atheistischen Naturwissenschaft einig. Doch welche Kräfte stehen hinter dieser Entwicklung? Die Atheisten behaupten, die Evolution in der Natur werde von Zufällen bestimmt, die Christen dagegen sagen, diese Entwicklung werde vom Heiligen Geist gesteuert.
In die Gestaltungskräfte der Natur haben wir keinen sicheren Einblick, aber von der Entwicklung der Technik können wir sicher sagen, dass sie vom forschenden und gestaltenden Geist des Menschen hervorgebracht wird. Noch niemand hat ernsthaft behauptet, die Technik sei durch Zufall entstanden. Wenn wir nun in dem uns einsehbaren Bereich der Technik erkennen, dass die Höherentwicklung in diesem Bereich durch den menschlichen Geist bewirkt wird, dürfen wir daraus nicht schließen, dass die Entwicklung in der viel komplizierteren Natur durch den höheren Geist Gottes gelenkt wird? Ist es nicht eine Paradoxie zu behaupten, die Entwicklung in der Technik sei geist-, die Evolution in der Natur sei zufallsbedingt? Beide Behauptungen überschreiten den Horizont des Beweisbaren. Daraus ergibt sich: Die Frage "Ist die Welt durch Zufall entstanden oder durch den Schöpfergeist Gottes geschaffen worden?" kann nicht im Wissen, sondern nur im Glauben entschieden werden. Kurz gefasst kann die Antwort nur lauten: Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, oder ich glaube an den Zufall.
Um die Zufälle, die in der Entwicklung zweifellos eine Rolle spielen, zu berücksichtigen und mit der Geistlenkung zu verbinden, sprechen manche Theologen von gelenkten Zufällen. Das ist ein Kompromiss, über den sich durchaus nachzudenken lohnt.
Die neuzeitliche Wissenschaft arbeitet bewusst ohne das Konzept eines übergeordneten göttlichen Plans. Doch zunehmend wird von heutigen Naturwissenschaftlern die Frage gestellt, ob wir für ein Verständnis der Gesamtwirklichkeit auf einen allem Geschehen zugrundeliegenden Plan verzichten können.
Ein Beispiel für solche Fragen ist die Erklärung H. Weyls: "Angesichts der Wunder der kosmischen Entwicklung ist der Reiz einer Deutung mit Hilfe eines einheitlichen Evolutionsplanes beinahe unwiderstehlich? Ist es vorstellbar, dass immaterielle Faktoren in der Art von Bildern, Ideen und Bauplänen in der Evolution der lebenden Welt intervenieren?"
Die großen Fragen der Kosmologie (das heißt der Lehre von der Entstehung und Entwicklung des Weltalls) nach Raum und Zeit gehen dabei stetig in theologische Fragen über, die sich mit dem Verhältnis von Evolution und Schöpfung, von Zielgerichtetheit, Sinn und Zweck, von der Stellung des Menschen im Kosmos und der Reichweite wissenschaftlicher Erkenntnis beschäftigen.
Wir betrachten die einzelnen Erscheinungen der Wirklichkeit nicht mehr isoliert voneinander, sondern erforschen sie im Zusammenhang. So fragt Hugo Staudinger: "Wurzelt die These von der Zufälligkeit, Sinnlosigkeit und Absurdität des gesamten Daseins letzten Endes darin, dass die Vertreter dieser These Welt und Mensch aus einem umfassenden Bezugssystem herauslösen und sie isoliert zu verstehen suchen? Oder falls Welt und Mensch tatsächlich in einer wesentlichen Relation zu Gott stehen, wie es die Offenbarung sagt, dann können sie nur unter Berücksichtigung dieser Relation einigermaßen zulänglich verstanden werden. Es ist dann evident, dass alle modernen Versuche, Welt und Mensch ohne Gott zu verstehen, zu keinem positiven Ergebnis kommen, sondern zu unwahrscheinlichen Spekulationen führen und sich bei allseits kritischer Betrachtung als unglaubwürdig erweisen."
V. Weidemann kommt zu der Feststellung: "Wäre der Kosmos wirklich nur ein sinnloses Zufallsprodukt, so wäre es doch höchst erstaunlich, dass ein planloser Kosmos 'Plan' hervorbringt! 'Plan" gehört also zur Wirklichkeit des Kosmos."
Für den Glauben an Gott, den Planer des Universums, spricht viel mehr als für den Glauben an den Zufall. Nur der Schöpfungsglaube kann Antwort geben auf die gegenwärtig so heftig diskutierte Sinnfrage.
Wer die Sinnfrage stellt, fragt nicht ins Leere. Er tritt mit seiner Frage in eine Beziehung zu Gott ein. Dem Menschen als fragender Person im Kosmos entspricht eine Antwort Gottes, die er in vielfältiger Weise gegeben hat. Im Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel, in den Psalmen und in den Schriften der Propheten hat Gott klar aufgezeigt, zu welchem Zweck und Ziel er den Kosmos und den Menschen geschaffen hat. Aber nirgends hat er eine deutlichere Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Welt und des menschlichen Lebens gegeben als durch die persönliche Offenbarung in Jesus Christus. In dieser Offenbarung fassen sich alle Glaubensaussagen über die Erschaffung der Welt und über die Berufung des Menschen zum Ebenbild Gottes zusammen.
Walter Saft