Zusammen mit Gott

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Die Katze saß neben dem Sofa, als der Pfarrer in seinen Talar schlüpfte. Die alte Dame in ihrem Rollstuhl schob den Wäscheständer ein wenig weiter nach hinten, damit wir alle Platz um den Wohnzimmertisch hatten.

„Wissen Sie“, sagte sie, „ich kann ja nicht mehr in die Kirche kommen. Es bedeutet mir wahnsinnig viel, dass Sie heute hier sind!“ Sie tätschelt meine Hand, die sie die nächste Stunde nicht wieder loslassen würde.

Sie wohnt wie Rapunzel ganz oben in einem Haus. Und während Rapunzel nicht hinunterkonnte, weil es an einer Tür fehlte,  kommt sie nicht mehr vor die Tür, weil sie nicht mehr laufen kann.

Regelmäßig besuche ich sie seit einiger Zeit. Wie wichtig diese Besuche sind und wie einsam Menschen sein können, merke ich an dem großen Mitteilungsbedürfnis in diesen Gesprächen. Alles wird besprochen. Das Gelungene und das Traurige ebenso wie die Sehnsucht nach Nähe. Den Kummer, wenn man nicht mehr selbstbestimmt sein Leben gestalten  kann.

Als ich ihr sagte, dass ich mit dem Pfarrer vorbeikommen würde, damit wir gemeinsam Abendmahl feiern könnten, leuchteten die Augen. Diese Überraschung! Zu ihr? Einfach so? Was für ein Segen!

Nun saßen wir also zusammen – zwei oder drei im Namen des Herrn – unter den kritischen Augen der getigerten Katze und feierten zusammen Abendmahl.
In jeder Atemhol-Pause erzählte sie aus ihrem Leben, bevor es weiterging. Ein Gebet – eine Anekdote. Ein Beichtteil – eine Lebenserkenntnis. Die ganze Zeit meine Hand festhaltend.

Nie zuvor war ein Abendmahl für mich so stimmig, so getragen von unser aller Glauben. Von Andacht und Ernsthaftigkeit wie in dieser überwärmten Wohnung – hoch oben über den Dächern der Stadt, wo sich auf dem Tisch Abendmahlsgeschirr und Desinfektionsmittel keinesfalls ausschlossen.

Der alten Dame liefen Tränen des Glücks über die runzligen Wangen. Ich drückte ihre Hand. Dieser Moment wird sich für immer in meine Gedanken – in meine christliche Sozialisation – einbrennen.

Wir waren zu dritt. Und  Jesus war mitten unter uns.

Inge Wollschläger, Mitglied der Redaktionskonferenz