Beobachter von Enge und Weite

Hellmuth Möhring
Hellmuth Möhring, Leiter des RothenburgMuseums, vor einem Bild Monnickendams mit Ansicht der Tauberstadt. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand: Maler Martin Monnickendam schlug Brücken an die Tauber

Der Beobachter stieg aus. Auf der Reise von Amsterdam nach Rothenburg ob der Tauber machte der niederländische Maler Martin Monnickendam (1884–1943) spontan in Bacherach Station. Die Reise im Sommer 1922 sollte per Bahn den Rhein entlang nur einen Tag in Anspruch nehmen. Doch dann weckte der Ortsname Erinnerungen: Gab es zu dem Ort am Rhein nicht eine Erzählung Heinrich Heines über ein Pogrom Ende des 13. Jahrhunderts, nachdem die Juden eines Ritualmordes beschuldigt worden waren? Doch niemand am Ort konnte ihnen mehr darüber berichten. So erinnert sich jedenfalls Tochter Monarosa.

Weiter ging es dann am nächsten Tag. Auf Rat seines Arztes sollte sich der Maler nach einem Ischiasanfall mit seiner Familie erholen. Dabei ruhte sich Monnickendam weniger als erhofft aus. Täglich war er unterwegs. Es entstanden „Stapel mit Zeichnungen“ in kurzer Zeit, so die Tochter. Obwohl bereits im November 1922 eine Amsterdamer Ausstellung über die „Ernte“ dieses Sommers lief, fanden sich noch 45 Rothenburg-Bilder im Nachlass. Sie sind an die Tauber zurückgekehrt.

Das neu gestaltete RothenburgMuseum hat mit einer Ausstellung des niederländisch-jüdischen Künstlers eröffnet. Über eine Stiftung und persönliche Kontakte eröffnete sich der „Brückenschlag“. Gut 45 Rothenburg-Bilder werden bleiben, so Museumsleiter Hellmuth Möhring. Amsterdamer Leihgaben ergänzen die Schau bis Mitte September.

Natürlich malte Monnickendam Ratstrinkstube und Spitalbereiterhaus. Letzteres jedoch, ebenso wie ein Blick von der Burggasse hin zur Südstadt, bei Nacht. Damals gab es auch in Rothenburg schon elektrisches Licht, so der Ausstellungskatalog, aber Gebäude waren noch nicht angestrahlt. Nur der Vollmond erhellt die Burggarten-Szene: Es ist ein meisterhaftes Spiel mit Licht und Schatten, Enge und Weite.

Zwei Passanten erscheinen schemenhaft von hinten. Sie sind an die Mauer gelehnt. Die Bildbetrachter können ihrem Blick folgen, obwohl die Bildfiguren ein wenig an den Rand gerückt sind. Dies Stilmittel verwendet Monnickendam öfter. Es gibt der Perspektive Weite, indem es einen Bogen vom Vordergrund zum Hintergrund spannt. Meist schemenhaften Personen oder kleine, aber ablenkende Details richten den Blick immer wieder an den Rand. Oder er malt das Publikum, das auf eine Veranstaltung wartet, anstelle des Ereignisses selbst.

Trotz der Bacharach-Episode beobachtete Monnickendam das jüdische Leben Rothenburgs in seinem Werk offenbar nicht. Dabei hätte es da durchaus Stoff gegeben: etwa über Rabbi Meir oder die Rintfleisch- pogrome. Die Erforschung dieser jüdischen Traditionen sei auch erst in den 1980er Jahren fortgeschritten, so Hellmuth Möhring.

Wusste Martin Monnickendam überhaupt über das Jüdische Leben Rothenburgs und seine Traditionen dort Bescheid? 1922 gab es an der Tauber durchaus noch eine jüdische Gemeinde. Bis 1925 sorgte der Religionslehrer Moses Hofmann für die damals noch rund 60 Gemeindemitglieder. Kontakte Monnickendams dorthin sind nicht überliefert – allerdings auch nicht das Gegenteil. Dabei sind natürlich auch sprachliche Grenzen des Niederländers zu berücksichtigen – zu einer Zeit, in der Englisch noch längst nicht so selbstverständlich war wie heute.

Gemalt hat Monnickendam in Rothenburg aus diesem Fundus lediglich das Judentanzhaus – jedoch genauso gut aus touristischer Perspektive. Dafür zeichnete und malte er mehrfach den Schäfertanz. Dieser hat durchaus eine problematische Entstehungsgeschichte: Ein Schäfer hätte Rothenburg vor einer jüdischen Brunnenvergiftung gerettet: Zur Belohnung gab es den Tanz. Er entstand laut Vereins-Homepage erst 1910 mit angeblichem Rückgriff auf ältere Traditionen. Die judenfeindliche Legende war schon in den 1920er Jahren durchaus bekannt – mit wachsender Beliebtheit.

Doch die Trachten und Bewegungen des Schäfertanzes haben Monnickendam offenkundig fasziniert. Die Wurzeln scheinen ihm nicht bewusst gewesen zu sein.
Dabei bewegte sich Martin Monnickendam ebenfalls eher am Rande seiner angestammten Religion. Es gibt in der Rothenburger Ausstellung zwei Gemälde aus der Amsterdamer Portugiesischen Synagoge. Auch hier dominieren die Rücken der Betenden, als wenn der Maler ganz hinten steht. Gerade auch wegen seiner gemischten Ehe mit Alice Mouzin 1906 distanzierte sich der Maler vom religiösen Judentum.

Zu Lebzeiten war Martin Monnickendam durchaus erfolgreich. Seine oft großen und farbenfrohen Bilder zeigen feiernde Menschenmassen, Landschaften und Stillleben. Sie verkauften sich lange offenbar gut. Stilistisch ist er nicht allein als Spätimpressionist zu fassen. Von älteren Einflüssen niederländischer Kunst bis hin zur „Neuen Sachlichkeit“ beherrschte er viele Stilformen. Virtuos war sein Spiel der Farben, die beschwingten Pinselstriche.

Da erscheint es heute fast schon exotisch, dass nirgendwo geparkte Autos gemalt sind – höchstens mal ein Heuwagen. Oder dass die Esels­treppe in der Lukasröder-Mühle, damals noch die Lasttiere nutzten. Knapp hundert Jahre später eröffnen sich spannende Ausblicke auf eine Stadt, in der sich vieles wieder erkennen lässt. Schließlich ist es immer noch vorhanden. Immer wieder weicht Monnikendam ein ganz klein wenig vom üblichen Standpunkt ab. Er steht gerade daneben, am Rand.

Am Ende seines Lebens blieb Martin Monnickendam nicht länger Beobachter. Ihn holte seine Herkunft ein: Als jüdischer Maler konnte er nach der Besetzung seiner Heimat durch die Nazis nichts mehr verkaufen. Seine Ehe mit der nichtjüdischen Frau bewahrte ihn vor der Deportation.

Am 4. Januar 1943 verstarb er an einer Lungenentzündung. Denn er konnte sich keine ordentliche Heizung mehr leisten, so Möhring. Die Töchter schafften es nach 1945 nicht, verbliebene Gemälde sachgerecht zu lagern. Sein Werk blieb auch nun weitgehend vergessen. Erst in den letzten Jahren begann die Restauration – und nun der Brückenschlag der Rothenburger Bilder an ihren Entstehungsort.

                     Susanne Borée