Ein Gebet schafft Raum

Brücke
Foto: Bek-Baier

Nachdem man Paulus und Silas hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 

                     aus Apostelgeschichte 16,23–34

Paulus und Silas bleiben im Gefängnis, obwohl sie frei sein könnten und werden zu Seelsorgern für Mitgefangene und für den Kerkermeister. Im Mai 1939 vor 80 Jahren bleibt auch ein anderer im Gefängnis: Pfarrer Paul Schneider. Man bietet ihm  im Konzentrationslager Buchenwald die Freiheit an, wenn er unterschreibt, dass ihm hier  nichts Böses angetan wurde. Diese Lüge macht er nicht mit.

Außerdem spürt er, wie er in Buchenwald als Seelsorger gebraucht wird. Beten und Fasten gibt ihm Kraft, Folter und Einzelhaft über ein Jahr zu überstehen bis er am 18. Juli 1939 ermordet wird.

Paul Schneider  setzt sich für andere Häftlinge ein und ruft durch  die Gitterstäbe seiner Zelle hindurch seinen Mitgefangenen Mut machende Worte zu. Auch zitiert er immer wieder ganze Passagen aus der Bibel.

Im Gebet entsteht ein Schutzraum, in dem Gottes gute Mächte bei mir sind – auch im Gefängnis – um Paulus, Silas und  Paul Schneider.

Die meisten von uns sitzen nicht im Gefängnis. Und doch gibt es Situationen, in denen wir uns wie gefangen fühlen und nicht alleine herauskommen. Das kann eine Krankheit sein, eine  tiefe Trauer um einen geliebten Menschen, eine Abhängigkeit, die unsere Beziehung zu uns selbst und anderen gefährdet, Mobbing am Arbeitsplatz oder auch eine verborgene Schuld, die uns die Lebensfreude raubt. Manchmal kenne nur ich den Namen meines „Gefängnisses“.

In vielen anonymen  Selbsthilfegruppen sprechen belastete Menschen am Schluss gemeinsam das Gebet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ (Verfasser unbekannt.) Bei diesem Gebet stärkt die Gemeinschaft mit ähnlich Betroffenen, und es tut gut, eine höhere Macht um Kraft für die nächsten Schritte zu erbitten.  

Gefängnisse wird es weiter geben und Bindungen, die Menschen fesseln und einengen. Und dennoch öffnen sich  beim  Beten Frei-Räume, Mauern werden durchlässiger, und manchmal erkennen wir auch eine Tür, die ins Freie führt.
Paulus und Silas beten UND loben Gott im Gefängnis.

Vielleicht haben sie dieses Lob auch gesungen. Das richtige Lied kann die Seele befreien und in uns verborgene Kräfte wecken. So ein Lied ist für mich das Taize-Lied geworden:   „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht‘ mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht‘ mich nicht“ (EG 615).

                  Werner Streckies, Pfarrer i. R., Schwabach