Ein Osterbrief

Brücke
Foto: Bek-Baier

Da wendet sich Maria Magdalena um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.

                     aus Johannes 20,14–18

Nein, nein, nein, Jesus! So kommst Du uns nicht davon! „Rühr mich nicht an“!? Was soll das? Bist Du nicht der, von dem erzählt wird, dass in Dir Gott Mensch geworden ist? Bist Du als kleines Kind, von dem wir jedes Jahr an Weihnachten erzählen, nie in den Arm genommen und gestreichelt worden? Hat Dich Johannes der Täufer nur mit Wasser begossen und Dich nicht berührt, als er Dich taufte? Wie ist es mit den Leuten, die Du geheilt hast? Hast Du die nicht berührt und so die Nähe Gottes verbürgt? Und bei den Kindern? „Er herzte sie“ – hast Du es geschafft, die Kinder zu herzen, ohne dass sie Dich berührt haben? Und wie hast Du den Jüngern die Füße gewaschen? Auch ohne Berührung? Und hast Du dem zweifelnden Thomas nicht gesagt, dass er Dich in Deinen Wunden berühren soll? Und nun?

„Rühre mich nicht an“, sagst Du zu Maria Magdalena. Wieso?

Berührung gehört dazu. Wenn wir uns begrüßen, dann reichen wir uns die Hand, wenn wir uns besser kennen, dann gibt es eine kleine Umarmung und ein Küsschen auf die Wange. Wenn wir stolz aufeinander sind, klopfen wir uns auf die Schulter. Und bei uns in der Gemeinde ist es üblich, dass wir uns nach dem Empfang es Abendmahls im Kreis die Hände reichen und uns gegenseitig Frieden wünschen. Berührung gehört dazu!

Ich weiß schon, wir leben in einer eher berührungslosen Zeit, außer man ist ein Smartphone, dann werde ich mehrere zigmal am Tag angefasst, ja zärtlich gestreichelt. Aber das ist doch kein Argument, dass Maria Dich nicht anfasst, weil sie es besser virtuell versuchen soll.

Oder sollte es daran liegen, dass Maria eine Frau ist? Sie erst vor der Steinigung bewahren und dann darf sie sich nicht freuen, dass Du auferstanden bist? Oder darf ihre Freude nicht handgreiflich zeigen? So ein Chauvi bist Du nicht, Jesus. Ja, und ich weiß auch, dass das Johannes so schreibt, weil er überzeugt ist, dass die Berührung der Maria als Anbetung gelten könnte und das noch nicht sein darf, solange Du noch nicht zum Himmel aufgefahren bist. Theologengeschwafel!

Also – was soll dieses „Rühre mich nicht an“? Ich verstehe das nicht. Was ich verstehe: Du lebst! Du hast den Tod besiegt! Alles wird anders! Nichts muss so bleiben, wie es ist. Wer auch immer uns Menschen binden will, hat nichts mehr zu melden, denn Du hast ihnen allen gezeigt, wo der Hammer hängt.

Jedenfalls freue ich mich mit Maria. Und wenn ich Dich träfe am Ostersonntag, vielleicht auf dem Weg zur Osternacht und Dich im ersten Moment mit einem unausgeschlafenen Gottesdienstbesucher verwechseln würde – ich würde Dich begrüßen, mit Handschlag und wer weiß – ich würde Dich in den Arm nehmen und würde Dir frohe Ostern wünschen: „Der Herr ist auferstanden“ –  Und dann würde ich mich freuen, wenn Du antwortetest, wie es sich gehört:  „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!“

                Klaus Weber (55) ist Pfarrer an der Lukaskirche in Regensburg

                und Pfarrer für Öffentlichkeitsarbeit im Donaudekanat Regensburg

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