Heimat bewahren – nur wie?

Robert Löwensohn
Robert Löwensohn. Foto: Borée

Lebenslinien: Zwei Fürther eint trotz ungleicher Ausrichtung 1918/19 ein Schicksal

Am Schreibtisch des Ministers saß ein Jude namens Königsberger.“ So erinnerte sich ein Adjutant des 1918 abgesetzten bayerischen Kriegsministers. Bereits am 13. November 1918 war dieses politische Zwischenspiel des Fürther  Bürgers Kurt Königsberger schon wieder vorbei. Nun hieß es weiter, „dass Leutnant Königsberger seine Pflicht, die Ordnung wiederherzustellen, erfüllt und als Oberkommandeur der Armee den Abschied genommen habe“.

Robert Löwensohn, ebenfalls aus Fürth, zog es hingegen zum Freikorps. Da war er im April 1919 an der Niederwerfung der Münchner Räterepublik beteiligt. Dies jährt sich jetzt gerade zum 100. Mal.

Zwei gegensätzliche Lebensentwürfe – und doch in einer Ausstellung vereinigt. Im Fürther Jüdischen Museum überkreuzen sie sich. Der 17-jährige Schüler Simon Rötsch vom Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Oberasbach stellte sie vor einem Jahr zusammen. Beide jüdischen Fürther wollen in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg ihre Heimat schützen. Sie fanden sich nun auf gegnerischen Seiten wieder.

Beide eint allerdings ein tragisches Schicksal: Das Dritte Reich überlebten sie nicht. Simon Rötsch begab sich auf Recherche nach ­Bildern und Zeitdokumenten. Er knüpfte Kontakte zu der Familie Vitkine in Paris, den Nachfahren Löwensohns. Rötsch verfasste die lesenswerten Texte der Schau. Sie entstand  vor einem Jahr zunächst an seiner Heimatschule. Rötsch erhielt bereits im Vorfeld für seine ­Recherchen eine Ehrung als Lan­dessieger beim Geschichtswettbe­werb durch den Bundespräsidenten Franz-Walter Steinmeier. Seit März ist die Schau nun im Jüdischen Museum Franken in Fürth zu sehen. Die durchaus professionell gemachten Texte finden sich auch in dem Online-Lexikon www.fuerthwiki.de.

Bewahrung des Alten

Wer waren sie? Robert Löwensohn erblickte am 20. März 1895 als Sohn des Fürther Druckereibesitzers Theodor Löwensohn und seiner Frau Rosa in Fürth das Licht der Welt. Ab 1913 absolvierte der Sohn in der väterlichen Bilderbuchfabrik eine Ausbildung zum Kaufmann und zum Steindrucker. Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges reiste er zu einem Sprachaufenthalt nach London. Mit einem der letzten Schiffe kehrte er zurück und meldete sich schon am 4. August 1914 als Kriegsfreiwilliger.

Im März 1917 erhielt Robert Löwensohn eine Beförderung zum Leutnant. Zuvor hatte man ihn vor die Wahl zwischen dem Eisernen Kreuz und dem Offiziersgrad gestellt. Beides, so wurde ihm gesagt, wäre für einen Juden zu viel. Trotzdem erhielt er Ende März 1917 doch noch das Eiserne Kreuz II. Klasse.

Bereits Ende November 1918 kehrte er nach Fürth zurück, um sich um den elterlichen Verlag zu kümmern.  Er war entsetzt über die revolutionären Ideen, die dazu noch die Existenz der Familie bedrohten. So trat er in eines der Freikorps ein, die die Münchner Räterepublik im April 1919 gewaltsam niederschlagen.

Danach führte er zusammen mit seinem Bruder Gustav und einem weiteren Teilhaber den Verlag weiter. In der Schau sind auch Kinderbücher zu sehen, die damals entstanden und auf verschiedenen aufklappbaren Ebenen Schichten des menschlichen Körpers darstellten: fast schon moderne Klappbücher, die einen Kontrast zu den konservativen Ideen des Verlegers darstellen. Nach der „Machtergreifung“ der Nazis musste der Verlag Ende 1937 verkauft werden. Robert Löwensohn zog 1938 ganz nach Frankreich.

Da holten ihn die Nazis wieder ein. Der ersten Verhaftung im Dezember 1941 folgt bald seine Entlassung wegen seiner Freikorps-Vergangenheit. Löwensohn flüchtet nun mit seiner Frau Ella nach Lyon. Bei einer Razzia gegen die jüdische Bevölkerung dort am 26. August 1942 stellt sich Robert Löwensohn freiwillig der französischen Polizei mit den Worten „Je suis un officier prussien! – Ich bin ein preußischer Offizier“. Es nutzte nichts. Ihn und seine Frau brachte man nach Auschwitz. Die Ehefrau Ella musste wohl kurz danach ins Gas gehen. Im Januar 1945 soll Robert Löwensohn auf den Todesmärschen Richtung Westen an Erschöpfung gestorben sein.

Versuchter Neuaufbau

Kurt Königsberger (1891–1941) diente als Beobachtungsflieger während des Ersten Weltkriegs. Bereits am 5. Februar 1916 ernannte man auch ihn zum Leutnant der Reserve. Kurt Königsberger meldete sich da­raufhin freiwillig zu den Luftstreitkräften. Nach mehreren Einsätzen an der Westfront kümmerte er sich ab Ende 1917 um die Ausbildung neuer Flugschüler in Schleißheim.

Noch am 6. November 1918 erreichte ihn der Befehl, in Flandern noch mit Reizgasbomben aus der Luft den Krieg zu wenden. Daraufhin legte er die Waffen nieder und eilte mit dem Großteil seiner Soldaten nach München, um Kurt Eisner zu unterstützen. Ganz außer Atem soll er herausgebracht haben: „Stehe mit 800 Mann, 20 MG und ein paar Haubitzen in Schleißheim. Alles zu Ihrer Verfügung!“ Kurt Eisner ließ von ihm den Landtag schützen. Außerdem ernannte er Königsberger zum provisorischen Kriegsminister und Oberkommandeur der bayerischen Streitkräfte.

Am 10. November machte Königsberger sich mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Otto von Dandl auf den Weg in den Chiem­gau, wohin König Ludwig III. zunächst geflohen war. Doch vor ihrem Eintreffen war der Monarch schon nach Österreich unterwegs.

Wohl noch bis Mai 1919 arbeitete Königsberger  als Referent für Nationalökonomie im Staatskommissariat für Demobilmachung. Anschließend setzte er sein Studium wohl in München und Berlin fort, wie Rötsch ebenfalls herausgefunden hat.
1933 war er dann einer der Ersten, die in Dachau interniert wurden. Ende 1936 wurde er erneut festgenommen und ins KZ Dachau deportiert. Von dort brachte man ihn zwei Jahre später nach Buchenwald. Im Sommer 1941 wurde er
in Pirna-Sonnenstein vergast. Seine Frau Helena überlebte mit den Töchtern den Krieg.  

Königsberger und Löwensohn handelten trotz ihrer politischen Unterschiede für Bayern – wurden aber allzu sehr durch die Brille ihrer Religionszugehörigkeit gesehen. Dieses Schicksal der beiden Fürther gilt es bei der Diskussion über „Heimat“ im Blick zu behalten.

Ausstellung bis 3. Juni im Jüdischen Museum Franken in Fürth, Königstr. 89, Di–So 10–17 Uhr. Mehr unter Tel. 0911/950988-88 oder www.juedisches-museum.org. Bis zum 28. April findet auch eine Schau von Schülern der 10. Klassen des Labenwolf-Gymnasiums Nürnberg statt. Sie haben künstlerische Arbeiten vor allem rund um Stühle zwischen Einbeziehung und Ausgrenzung geschaffen.

                     Susanne Borée