Miteinander reden lernen

Rollenspiele helfen angehenden Ärzten und Ärztinnen

Regelmäßig geht der ehemalige Buchhändler Reiner Grochowski aus Würzburg in eine Klinik und lässt sich „behandeln“ – obwohl er sich bester Gesundheit erfreut. Seit etwa fünf Jahren ist er „Schauspielpatient“. Er „übt“ mit angehenden Mediziner Arzt-Patienten-Gespräche. Denn diese sind von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Behandlung. Es hilft, die richtige Diagnose zu stellen und die passende Therapie zu finden.

Ärztinnen und Ärzte führen in ihrem Alltag viele Gespräche. Nicht selten müssen sie ihren Patienten schlechte Nachrichten überbringen. Gerade in solchen Situationen ist eine intensive Kommunikation wichtig, denn schnell können Sorgen und Ängste entstehen. Ein gutes Training in der Verständigung während der ärztlichen Ausbildung  ist mittlerweile Bestandteil der Ausbildung.

Kommunikation mit Patienten ist nicht immer einfach – gehört aber zum Alltag eines jeden Arztes und Ärztin und ist entscheidend für den Behandlungserfolg. Jedes Gespräch ist anders und bringt neue Herausforderungen mit sich. Worauf sollte man also als Arzt und Ärztin für ­die eigene Zufriedenheit und die des Patienten achten? Inge Wollschläger hat mit ihm gesprochen.

Herr Grochwoski. Seit fünf Jahren sind Sie „Patient“ und üben Gesprächsführung mit jungen Medizinern. Wie läuft so ein Gespräch typischerweise ab?

Diese Gespräche finden am Ende eines Seminars in Form eines Rollenspiels statt. Die Rolle des Schauspielpatienten ist genau definiert und ausgearbeitet. Name, Alter, Beruf, Familienumfeld und Krankengeschichte sind festgelegt und werden von den Verantwortlichen immer wieder überarbeitet. Der „Patient“ prägt sich das ein und setzt es im Gespräch mit den angehenden ÄrztInnen um.

Werden die Ärzte und Ärztinnen auch auf „die Probe gestellt“ und bekommen besonders knifflige Gefechtssituationen, die sie meistern müssen?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen der Arzt nicht auf die kleinen Bemerkungen achtet, die für die Weiterführung des Gesprächs wichtig wären. Aber dazu sind die Gespräche ja da – dass die Studenten lernen, bei diesen Gesprächen aufmerksam zu sein und auf den Patienten zu achten.

Was ist Ihre Herausforderung bei diesen Gesprächen?  

Alle Beteiligten wissen, dass es sich um Rollenspiele handelt. Dennoch soll es möglichst echt wirken. Der Schauspiel-Patient muss also seiner Rolle entsprechend Wut, Trauer, Entsetzen oder Verzweiflung zeigen, damit der Student lernt darauf angemessen zu reagieren.

Wie verlaufen die Gespräche hinterher? Gibt es Nachbesprechungen?

Das Feedback ist ein ganz wichtiger Teil des Rollenspiels. Hier hat erst einmal der Student die Möglichkeit die Qualität seines Gesprächs selbst einzuschätzen, dann schildert der Schauspiel-Patient seine Eindrücke und dann, da diese Gespräche immer in einer Gruppe stattfinden, kommen auch noch die Eindrücke der anderen Studenten dazu. Für den Schauspiel-Patienten ist es wichtig sowohl die negativen als auch die positiven Aspekte des Gesprächs zu beleuchten. Wobei die positiven meist in der Mehrzahl sind.

Was ist die Schwierigkeit für die angehenden Mediziner?

Die größte Schwierigkeit liegt sicher darin, ein solches Gespräch nach einer nur kurzen Vorbereitungszeit mit nur wenigen Informationen zu führen. Sie wissen nicht welche Person ihnen gleich gegenübersitzt, wissen nicht wie diese Person auf die zu überbringende Diagnose reagiert und sind entsprechend nervös. Oft empfinden die Studenten diese Situation als sehr real, obwohl sie wissen, dass es sich nur um ein Rollenspiel handelt.

Mediziner müssen einen Numerus Clausus haben. Dieses Studienfach ist ein zulassungsbeschränkter Studiengang, das einen bestimmten Notendurchschnitt voraussetzt. Haben Sie den Eindruck, dass die jungen, angehenden Ärzte  und Ärztinnen zwar sehr intelligent sind, aber wenig über emotionale Intelligenz verfügen – wie man immer wieder liest?

Nein, das ist es nicht. Nach meinem – natürlich sehr subjektiven – Eindruck ist es eher so, dass während des Studiums wenig Zeit für anderes bleibt und die Leute sehr in ihren Lernphasen stecken und dann auch in Gesprächen mit Laien sich sehr in ihren Fachtermini ausdrücken. Das verdeckt dann die eigentlich vorhandene Empathie. Ein kleiner Hinweis von mir wie zum Beispiel. „Ich verstehe nicht, was Sie mir jetzt gesagt haben“,  genügt meist, um diese Empathie wieder zu wecken. Nein. Diese emotionale Intelligenz ist schon da.  Man muss sie nur manchmal wieder hervorlocken.

Gibt es auch eine Art Lerneffekt für Sie selbst?

Auch wenn es sich jetzt platt und banal anhört: Die Art, wie solche Gespräche von den angehenden Medizinern geführt werden, zeigt mir immer wieder, wie wichtig es ist auf den Gesprächspartner zu achten:  Gestik, Mimik und Sprache zusammen ergeben erst das, was das Gegenüber mir sagen möchte. Es ist mir eine Freude, mit dazu beizutragen, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu verbessern. Gleichzeitig ist mein Respekt vor diesen jungen Leuten gestiegen, die ein so schwieriges Studium in Angriff nehmen und meist auch erfolgreich abschließen.


                              Inge Wollschläger

Wer sich vorstellen kann, ebenfalls Schauspiel-Patient in Würzburg zu werden, kann sich bei Nina Luisa Zerban bewerben, E-Mail: nina.zerban(at)uni-wuerzburg.de

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