Mit geschärften Blicken

Axel Töllner
Axel Töllner. Foto: Borée

Axel Töllner führt zum Beginn der „Woche der Brüderlichkeit“ durch Nürnberger Kirchen

Wer waren keine Juden? Ganz klar: Maria und Josef mitsamt natürlich dem Jesuskind. Die Juden, das waren die anderen – nicht nur im 14. oder 15. Jahrhundert. Das machte Axel Töllner bei seiner Führung durch die großen Nürnberger Gotteshäuser St. Lorenz, St. Sebald und die Frauenkirche, die an der Stelle der ehemaligen Synagoge erbaut ist, deutlich. Zu Beginn der „Woche der Brüderlichkeit“ hatte der landeskirchliche Beauftragte  für christlich-jüdischen Dialog an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau zu einer Führung durch Nürnberg eingeladen.

Schon damals, im ausgehenden Mittelalter, waren Juden als Ge­stalten mit hässlichem Gesichtsausdruck und finsterer Mimik deut­lich kenntlich. Als Beispiel zeigte Axel Töllner  in der St. Lorenzkirche den gut 20 Besuchern eine Seitentafel des Dreikönigsaltars von Hans Pleydenwurff. Das war kein Irgendwer im Nürnberg des 15. Jahrhunderts. Nein, er war bis zu seinem Tod 1472 der bekannteste Maler vor Ort – und der Lehrer Michael Wolgemuts, bei dem dann Albrecht Dürer lernte.

Einer der Schergen bei dem Kindermord von Bethlehem  trägt einem für das 15. Jahrhundert typischen Judenhut und dazu noch ­hebräische Buchstaben an der Kleidung. Auch Herodes zeigt einen gegabelten Bart, den die Juden tragen mussten. Hier zeigten sich schon deutliche Anklänge an den damaligen Vorwurf, dass Juden christliche Kinder rituell töten würden, so Töllner. Dabei sei Pleydenwurff nicht als ausdrücklich besonders judenfeindlich zu bezeichnen. Aber er übernahm wohl unbefragt die gängigen Bilder seiner Zeit.

Auch eines der prachtvollen Fenster im nördlichen Bereich des Chors, der die Exodus-Geschichte  illustrierte, zeigte das Volk Gottes mit spitzen Judenhüten, etwa beim Tanz um das Goldene Kalb. Wer aber erschien ausdrücklich nicht als Repräsentant der Juden? Richtig, Moses.

Auch hier zeigt Töllner eindrücklich, wie die antijüdischen Klischees funktionierten. Kaum überraschend war es da, dass man als Treppen­stufen eines Turmaufganges am Südeingang Grabsteine mit hebräischen Inschriften aus dem zerstörten jüdischen Friedhof im Zuge der Pestpogrome um 1350 entdeckt hatte. Die Besucher traten sie Jahrhunderte lang mit Füßen, bevor die jüdische Gemeinde die Grabsteine erst Ende des 20. Jahrhunderts zu­rückerhielt.

Da ließ sich ein direkter Bogen zur Frauenkirche spannen, die nach den Pest-Pogromen über der einstigen Synagoge am Hauptmarkt – auch einst das jüdische Viertel der Stadt – errichtet wurde. Die Gemeinde stellt sich nun offensiv dieser Vergangenheit etwa mit einem Davidsstern im Altarraum.
Kurz darauf, in St. Sebald, zeigte Töllner weitere Bildwerke, die an die entsprechenden Zeugnisse der Lorenzkirche erinnern. Die Verschwörer, die Paulus in Rom anklagen, erscheinen wiederum als Juden. Der Apostel ausdrücklich nicht. Hier befinden sich ferner außen Reste einer so genannte „Judensau“ aus dem Spätmittelalter, die Menschen jüdischen Glaubens nährt.

Zum Ende der über zweistündigen Führung appellierte Töllner an die Besucher, die Kontinuität solcher Bilder bis hin zu immer noch aktuellen Vorstellungen, die Juden als Verschwörer und Mörder palästinensischer Kinder immer weiter sehen, zu durchbrechen.

                Susanne Borée

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