Editorial: Passion - keine symbolische Zeit

Susanne Borée
Susanne Borée

Passion – die Leidenszeit. Es könnte auch wohl bedeuten: Die Zeit der Leidenschaft.

Lassen wir uns anstecken von diesem farbigen Namen für die Zeit, die 40 Tage vor Ostern begann? Da lohnt ein Blick darauf, in welchen Traditionen sie lebt: Genau so lange währte auch die Zeit, in der Moses auf dem Berg Sinai blieb, um die Zehn Gebote zu empfangen. Der Prophet Elia ist ebenfalls 40 Tage und 40 Nächte zum Berg Horeb unterwegs, um Gott zu begegnen. Auch während der Sintflut regnete es so lange. Auch Jesus fastete 40 Tage in der Wüste, bevor er den Versucher überwinden und sein öffentliches Wirken beginnen konnte. 40 Jahre irrten die Israeliten durch die Wüste zum Gelobten Land.

Warum diese Zahl? Es spricht mehr für sie, als dass sie so schön rund ist. Die „Vier“ steht für die gesamten irdischen Möglichkeiten (vier Jahreszeiten, Himmelsrichtungen, Elemente oder Evangelisten).

Und die „Zehn“ symbolisiert verantwortliches Handeln des Menschen vor Gott: Da kommt jeder gewiss auf die Zehn Gebote. Dann aber auch die zehn Jungfrauen, der Zehnte, den Menschen zu geben haben, oder die zehn Talente (Lukas 19). Kombiniert also  bedeutet die „Vierzig“ die gesamten irdischen Möglichkeiten, sich selbst zu prüfen, um gegenüber Gott zu reifen.

Halt! Wer jetzt ordentlich nachzählt, kommt aber auf genau 46 Fastentage vom Aschermittwoch bis zum Karsamstag. Der Trick: Die sechs Sonntage dazwischen werden traditionell einfach aus dieser Zeit herausgerechnet. Heute lächeln wir über solche Zahlenspielerei. Es war aber für die Menschen vor Zeiten mehr als bloßer Zeitvertreib. Sie ordneten das Weltverständnis wie heute das binäre System der Computer, das offenbar unser Schwarz-Weiß-Denken noch verstärkt hat.

Die meisten anderen Bußzeiten – selbst im Advent – sind schon längst verschwunden. Wer weiß noch, dass die Zeit zwischen Martinstag und Christfest dereinst ebenfalls eine (40 + dreitägige) Fastenzeit war? Zu geschäftsschädigend – so kurz vor Weihnachten!

Nur die Passionszeit ist geblieben. Sie ist nicht nur eine Zeit des Verzichts, sondern auch der Besinnung: Hoffentlich brauchen wir dafür nicht 40 Jahre Reifezeit! Gelegenheit für Verantwortung gibt es genug. Nutzen wir die Zeit des Übergangs mit Leidenschaft zum Innehalten und zur Neuorientierung?

Susanne Borée

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