Editorial: Entwicklungslinien begreifen

Susanne Borée
Susanne Borée

"Ja, damals war die Medizin noch nicht so weit.“ So erklärte ich es meinem Sohn. „Damals“, das war vor mehr als 30 Jahren. Da starb meine Oma. Heute würde man ihre Todesursache medizinisch in den Griff bekommen. Vor 30 Jahren – das liegt für meinen Sohn in grauer Vorzeit. Eine Epoche ganz ohne Internet! Ich selbst kann mich noch gut daran erinnern. Doch 30 Jahre vor meiner Geburt waren wir im Zweiten Weltkrieg.

Gerade mit und an Gedenktagen bekommt man ein wenig mehr Gespür für die Dauer von Entwicklungen. Ich kann mich gut erinnern, wie wir an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren gedachten. Dann an sein Ende. Wie erlebten wir die Zeit dazwischen – und die Menschen damals?

Gerade lese ich noch einmal den Artikel über Kurt Eisner in unserer Novemberausgabe. Vor hundert Jahren folgten Wochen voller Hoffnungen und ungenutzter Chancen. Dann, am 21. Februar 1919, wurde er schon ermordet. Dies beschließt die ganze Tragik eines Menschen, der an die Einsichtsfähigkeiten seiner Mitmenschen glaubte, um „jedem den Weg seiner inneren (zu) Fähigkeiten öffnen“. Ist das möglich? Darum geht es und nicht um Wissensballast.

2019 ist solch ein „Supergedenkjahr“ – so stöhnt oder frohlockt es allerorten. Auch Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel blickt auf die 70-jährige Partnerschaft mit Mecklenburg. Genauso gilt es auf Gemeindeebene, intensive Begegnungen Frucht tragen zu lassen: etwa die Verbundenheit, die der Weltgebetstag jedes Jahr global bringt.

Im Nürnberger Neuen Museum zeigen Matthias Böhler und Christian Orendt eine Installation zwischen Vergangenheit und Zukunft: Ein Monster wird da zur Zielscheibe des Raubbaus von Miniaturwesen. Es ist eine Mischung aus King Kong, Gulliver und abgewetztem Teddybär. Die Aussage ist bekannt, wird aber so auf den Punkt gebracht, dass sie neu berührt. Können wir uns so weit öffnen lassen, um einen neuen Weg einzuschlagen?

Geschieht gerade Neues, dass Jugendliche so für ihre Umwelt eintreten? Oder wird es sich totlaufen? Entwicklung geschieht nicht automatisch. Ja, damals waren unsere Eltern noch nicht so weit, dass sie sich den Herausforderungen ihrer Zeit stellten und Verantwortung für die Zukunft übernahmen! Wird das mein Sohn seinen Kindern in 30 Jahren erzählen?

Susanne Borée

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 21. April 2019:

- Was geschieht nach dem Tod? Warum man sich vor dieser Frage nicht drücken darf

- „Der Glaube ist das Entscheidende“: Ostern in der Heimat der Sorben zeigt viele aufwändige Bräuche

- Marktplatz voller Chancen und Abgründe: Verantwortlicher Umgang im Netz

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