Die Steine zum Sprechen bringen

Horst Gemeinhardt
Horst Gemeinhardt erklärt den Baiersdorfer Friedhof. Foto: Borée

Spurensuche auf dem jüdischen Friedhof in Baiersdorf und der Forchheimer Gemeinde

Die Bürgerwacht war schnell zur Stelle - so ist es überliefert. Anno 1771 rückte sie einem Brand in der Forchheimer Synagoge zu Leibe. Doch danach präsentierte sie der jüdischen Gemeinde die saftige Rechnung ihres Engagements: 20 Gulden Kosten sollten die Juden übernehmen. Dagegen erhob die Gemeinde beim Bamberger Oberamtmann Einspruch: Es habe lediglich "ein Funken ein Tüchlein ergriffen und dadurch ein Balken ein wenig geschwärzt". Alles nicht der Rede Wert.

Engagiert gesammelt hat Rolf Kilian Kießling diese und viele andere Episoden aus der Jahrhunderte alten jüdischen Geschichte dieser fränkischen Stadt. Nach mehreren Artikeln in den regionalen Zeitungen wagte er sich an ein umfassendes Projekt: Die Biografien mehrerer Dutzend jüdischer Mitbürger hat er in seinem Buch "Die Juden in Forchheim" dem Vergessen entrissen.

Am 27. Januar jährt sich wieder der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus". Was ist aus jüdischen Identitäten in Franken geworden? Zum Gedenken an sie gibt es immer wieder beherztes Engagement. Wie Rolf Kilian Kießling rekonstruieren regionale Forscher zeitaufwändig die Spuren der jüdischen Gemeinden vor Ort. Oliver Gußmann etwa stellt auf Seite 8 seine Forschungen über Rabbi Meir von Rothenburg vor. "Meine Großeltern kauften noch bei den Rosen­thals oder bekamen dort ?immer Mazzen"?, so Kießling. Und dann? Schweigen. Kontakte mit jüdischen Nachbarn verlieren sich im Zwielicht. "Unsere Schülerarbeiten über die Juden", so der engagierte Lehrer, "gehen erst ab 1933 los. Dabei lebten sie seit Jahrhunderten hier."

In Forchheim anno 1771 musste die Feuerwehr nach ihrem Einsatz ihren brennenden Durst in einem nahe gelegenen Wirtshaus löschen. Schon immer kostspielig! Nach dem Einspruch der Juden kam es zu einem Kompromiss: Nur ein knappes Viertel wurde der Bürgerwehr erstattet.

Hinter verblassten Gesichtern und fast schon unleserlichen Daten verbirgt sich also weit mehr. Das zeigt sich auch in Baiersdorf, wenige Kilometer vor den Toren Forchheims. Dort wurden die meisten Juden aus der ganzen Umgebung begraben. Denn dieser Ort war bis ins 19. Jahrhundert hinein Sitz des Oberrabinats für die gesamte Region.

Dort wiederum ist Kießlings pensionierter Kollege Horst Gemeinhardt jahraus, jahrein unterwegs. Der ehemalige Geschichtslehrer gestaltet immer wieder Führungen oder erforscht selbst die Grabsteine. "Die Besonderheit des Friedhofs", so betont Horst Gemeinhardt, "besteht darin, dass er inmitten der Stadt liegt." Für viele andere "Guten Orte" - wie die Juden ihre Begräbnissstellen bezeichnen - galt das nicht.

Ferner sind die Baiersdorfer Gräber nach Westen - hin zur Synagoge - anstatt nach Osten Richtung Jerusalem ausgerichtet. Bei seinen Führungen weist Horst Gemeinhardt auch immer wieder auf den Reichtum der religiösen Symbolik hin: Die Krone der Tora, der "Gute Name" für Frauen, Levitenkrüge, Schofarhorn, Lebensbaum oder ein Stundenglas sind nur einige der Beispiele.

Verwaschene Inschriften auf Hebräisch oder zweisprachig mit deutscher Übersetzung erzählen Geschichten, die noch ihrer Entdeckung harren. Überraschungen gab es bei zweisprachigen Inschriften: Philipp Hirschkind heißt etwa im hebräischen Text noch Veivel Halevi.

Natürlich wurde dieser Friedhof während der Nazizeit schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Friedhof diente als Maulbeerbaumplantage. NS-Mitglieder pflasterten bewusst ihre Innenhöfe mit jüdischen Grabplatten und traten die eingemeißelten Namen somit regelmäßig mit Füßen. Direkt nach dem Ende des 2. Weltkrieges stellte man die Grabsteine auf dem Friedhof wieder auf.

Dennoch waren natürlich etliche Platten bereits verloren oder schwer beschädigt. Zusammengeflickte Grabplatten und zertrümmerte Inschriften auf vielen der jetzt noch rund 1.200 Gräber legen davon Zeugnis ab. Der jetzige Eingang zum Friedhof ist nur noch für Ortskundige gut zu finden. Bewusst verzichteten die Baiersdorfer auf Wegweiser, so Horst Gemeinhardt. Auf diese Weise wolle man den Friedhof vor rechtem Vandalismus schützen.

Um 1830 lebten dort fast 400 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 1.200 Einwohnern - 1938 waren es noch drei Personen. Die meisten Juden wanderten schon im 19. Jahrhundert bei zunehmender Freizügigkeit in die großen Städte oder gleich nach Amerika ab.

Dazu hat wiederum Rolf Kilian Kießling interessante Spuren gefunden. Isidor Lederer aus Forchheim gründete Mitte des 19. Jahrhunderts ein Auswanderungsbüro, um für die Emigranten alle entsprechende Formalitäten abzuwickeln sowie "jeden ehrenwerten Auftrag für die überseeischen Länder" zu besorgen. Mit einem seiner Nachfahren konnte Rolf Kilian Kießling sprechen. Auch als Vormund für die 15-jährige Waise Babette Rosenbaum wurde Lederer aktiv. Das Mädchen hatte noch Verwandte in New York.

Wie sie verließen viele Juden aus Forchheim und der Umgebung ihre Heimat, um ihr Glück zu machen. Noch 39 Personen gehörten bei der "Reichspogromnacht" von 1938 zur jüdischen Gemeinde. Rolf Kilian Kießling dokumentiert ihre Schicksale. Auf dem zentralen Paradeplatz erinnert auf sein Engagement hin eine Stele an die Deportierten - genau wie ein Gedenkstein auf die ehemalige Synagoge hinweist.

Und Rolf Kilian Kießling suchte Überlebende. Dem damals zwölfjährigen Ludwig Bauer gelang noch 1939 mit seinen Eltern die Emigration nach Australien. Rolf Kilian Kießling schrieb nach ?Downunder?. Die dortige jüdische Zeitschrift veröffentlichte seinen Aufruf. Dann erinnerte sich ein Gemeindemitglied, dass Ludwig Bauer inzwischen in Las Vegas lebt. Endlich kam ein Kontakt zustande. Rolf Kilian Kießling besuchte ihn sogar dort. "Es bleiben natürlich die Verletzungen nach der Erfahrung der Ausgrenzung" - gerade für einen Jugendlichen prägend.

Susanne Borée

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