Ein religiöser Führer wurde bestattet

Restauratorinnen
Die Restauratorinnen Ute Meyer-Buhr und Susanne Rohm (von links) präsentieren das Bronzeschwert des „Wagenlenkers“. Gerneraldirektor Ulrich Großmann und Archäologin Angelika Hofmann planen Großes mit den Fundstücken aus dem Wagengrab im Germanischen Nationalmuseum. Foto: Bek-Baier

Sensationelle Funde eines bronzezeitlichen Wagens im Germanischen Nationalmuseum

Große Freude im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (GNM). „Die Fundstücke sind größtenteils noch verpackt, sie kamen heute Früh frisch auf unsere Tische“, sagt Sonja Mißfeldt, Kunsthistorikerin und Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Museums. Es handelt sich um die Reste einer Brandbestattung, genauer die Überreste eines sogenannten Wagengrabs, einem rund 3.300 Jahre alten Fund aus Essenbach bei Landshut. „So ist das Spektakuläre des Fundes nicht zu erkennen!“, sagt Mißfeld bei der Präsentation vor Journalisten. Zu sehen sind eilig ausgepackte Gegenstände: Ein bronzenes Schwert, diverse Kleinteile aus Bronze und ein protziger Goldring.  Daneben stapeln sich noch hunderte von Funden in Plastiktütchen verpackt und akribisch beschriftet.

Hier wurde ein Verstorbener, beziehungsweise seine Asche, mitsamt seinem Fuhrwerk begraben. „Nur die wichtigsten Persönlichkeiten des wirtschaftlichen, politischen und religiösen Lebens wurden so bestattet“, erklärt Angelika Hofmann. Sie ist die Sammlungsleiterin für Vor- und Frühgeschichte am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. „Es war ein Elitengrab!“ Da auch die Asche des Verstorbenen, der „Leichenbrand“, erhalten ist, könnten Wissenschaftler auch Geschlecht, Herkunft oder den Gesundheitszustand des Toten bestimmen.

Bauarbeiter sind auf Gräber der Urnenfelderzeit gestoßen, als ein Neubaugebiet in der Marktgemeinde Essenbach im Landkreis Landshut ausgewiesen wurde. Rund 30 Gräber aus Brandschüttungs- und Urnenbestattungen sowie Reste einer bronzezeitlichen Siedlung wurden gefunden. Höhepunkt war das Grab eines sogenannten „Wagenlenkers“, wie die Archäologen solche bedeutenden Persönlichkeiten nennen. Die Grabkammer zeichnete sich bereits bei den Voruntersuchungen als Verfärbung im Boden ab, ein Rechteck mit den Maßen von zweieinhalb Metern auf einen Meter und fünfzehn Zentimeter. Die hölzerne Grabkammer stand einstmals auf großen Mahlsteinen. Auch sie wurden geborgen und mit den anderen Funden ins GNM verbracht.

Die Urnenfelderzeit stellt die letzten 500 Jahre der Bronzezeit dar, die insgesamt von etwa 2.200 vor Christus bis 800 vor Christus reicht. Die Urnenfelderzeit ist nach den typischen Urnen benannt, die in dieser Zeit neu sind. Denn die Menschen gingen, aus bisher unbekannten Gründen, um das Jahr 1.300 vor Christus herum von der Ganz-Körper-Bestattung zur Brandbestattung über. Es war die Zeit der prächtigen Goldhüte. Stellt man den Zeitraum der frühen Urnenfelderzeit mit der Weltgeschichte in Bezug, so herrschte – als der Mann von Essenbach seinen Wagen lenkte – in Ägypten Ramses der Große oder stritten die Homerschen Helden um Troja. Zu dieser Zeit waren Pferdewagen mit Speichenrädern modernste Technik. Sie stammen aus dem Vorderen Orient und Ägypten und wurden dort im militärischen Bereich eingesetzt, erzählt die Archäologin. Solche Wagen waren leichtgängig und wendig.

Wie kam die Idee so eines Wagens aus Ägypten in das Gebiet des heutigen Bayerns? „Man tauschte sich damals schon überregional aus.  Die elitäre Schicht übernahm solche technischen Fortschritte!“, weiß Hofmann. 

Man darf sich nicht vorstellen, dass ein kompletter Wagen gefunden wurde. Die Archäologen fanden lediglich Überreste, vor allem bronzene Beschläge. Der Laie sieht nur einen Klumpen Altmetall. Die Fachleute wissen bei vielen Teilen sofort, um was es sich handelt.  

Die Archäologen vermuten, dass es sich bei den „Wagenlenkern“ vermutlich um Herrscher handelte, die weltliche und religiöse Führung in ihrer Person vereinigten. So nimmt man an, dass der Wagenlenker von Essenbach auf einer Eebene mit dem Goldhutträger von Ezelsdorf-Buch stand.  „Der Wagen befand sich möglicherweise im Mittelpunkt einer religiösen Zeremonie. Auch nach dem Tod seines Besitzers wurde er anlässlich der Leichenverbrennung prunkvoll zu dem Besattungsritual gefahren.

Die Archäologen mutmaßen, dass sich zu dieser Zeit in der religiösen Vorstellung etwas geändert hat. Das Feuer spielt nun eine zentrale religiöse und symbolische Rolle.  „Die Brandbestattung hatte bestimmt mit der Idee zu tun, dass der Verstorbene mit dem Tod eine Transformation durchmacht“, mutmaßt Hofmann. Der Tote wurde samt seinen Machtinsignien, wie Wagen, Schwert und Ring verbrannt. 

Essenbachs Bürgermeister Dieter Neubauer sieht den Fund als Beweis, dass die Region rund um Essenbach seit dem Neolithikum bis heute durchgehend bewohnt gewesen war. Wenn die Restauratoren am GNM mit ihren Untersuchungen fertig sind, soll ein Teil der Funde am Museum die Abteilung „Eliten der Bronzezeit“ in der Dauerausstellung bereichern und zusammen mit dem Goldhut von Ezelsdorf-Buch und dem Bronzehelm von Thronberg gezeigt werden. Im Gegenzug will das GNM der Marktgemeinde Essenbach die wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse sowie ausgewählte restaurierte Brandgräber als Dauerleihgabe für deren Archäologisches  Museum zur Verfügung stellen. 

                     Martin Bek-Baier

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