Das Knistern der Flammen

Brücke
Foto: Bek-Baier

Und der Engel des Herrn erschien Mose in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

                     aus 2. Mose 3,1–8

Ein brennendes gestrüpp in der trockenen Hitze der Wüste Midians – was soll daran Besonderes sein? Wer macht sich die Mühe, da näher hinzugehen, die Flammen zu beobachten und dem Knistern des Feuers zu lauschen? Das machen doch höchstens Kinder! „Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder ... “, dann werdet ihr es nicht erkennen, dann bleibt ihr blind für das, was da geschieht. Dann rennt ihr vorbei an dem, was euer Leben verändern kann!

Mose schaut genau hin, beobachtet, dass da etwas anders ist als sonst. Spürt, dass da mehr dahinter stecken muss, als das, was man auf den ersten Blick sieht. Und so kommt es zu dieser Begegnung von Gott und Mose. Gott spricht mit einem Menschen. Lässt ihn erkennen, was er mit ihm vorhat. Gibt seinem Leben einen Auftrag, eine Vision. Diese kurze Begegnung verändert alles. Aus dem Hirten mit Vorstrafe wird einer, unter dessen Führung sich das Schicksal eines Volkes zum Guten wendet.

Wie oft ich wohl schon an brennenden Dornbüschen vorbeigerannt bin? Habe die Gelegenheit verpasst, mir von Gott etwas sagen zu lassen – habe vielleicht eine wichtige Weichenstellung für mein Leben versäumt. Weil ich es zu eilig hatte, zu beschäftigt war, um die leisen Signale Gottes wahrzunehmen? Zu erwachsen, um mich faszinieren zu lassen? Zu schlau und abgebrüht, um mich von den Spuren und Fingerzeigen Gottes beeindrucken zu lassen? Gottesbegegnungen nimmt man nicht im Vorbeigehen mit.

„Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder ... “ dann werdet ihr es nicht erkennen ... dann bleibt ihr blind für das, was da geschieht. Dann rennt ihr vorbei an dem, was euer Leben verändern kann!

Ich bewundere die Entdeckerfreude unserer Kindergartenkinder. Wie sie einen unbekannten Gegenstand von allen Seiten betrachten. Sie lassen sich beeindrucken. Sie nehmen sich Zeit. Und sie wollen diesem Ding einen Sinn abtrotzen: Wofür ist das gut, was ich da in der Hand habe?

Eigentlich ist es keine schwierige Übung: Wie Mose, den Hirtenstab wegzulegen, die Schuhe der Hetzerei auszuziehen und einen respektvollen Blick auf das zu werfen, was mir gerade am Wegesrand begegnet. Ein Gedanke, der sich nicht so leicht verscheuchen lässt. Eine Begegnung. Ein Traum. Manchmal nur ein einziger Satz eines anderen Menschen.

So manches könnte mein Dornbusch sein. Weitergegangen ist man da viel zu schnell. Hinhören, wahrnehmen, wie ein Kind sein. Vielleicht höre ich dann Worte, die mir wichtig werden: Wegweisung, die meinem Leben oder dem Leben der Anderen dient. Oder ich entdecke – dass da nichts weiter war, als das Knistern der Flammen. Eben ein einfacher Dornbusch in der Wüste meiner Tage. Dann will ich zügig wieder den Hirtenstab in die Hand nehmen, in meine Alltagsschuhe schlüpfen und fröhlich weiterziehen.

                  Pfarrer Alexander Seidel, Wilhelmsdorf

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