Editorial: Gute Vorsätze - mit kurzer Halbwertzeit

Martin Bek-Baier
Martin Bek-Baier

Zu Beginn des Jahres pflegen viele Leute die Tradition, sich gute Vorsätze für das neue Jahr vorzunehmen. Allerdings bleibt es meist bei alltäglichen Vorhaben wie Abnehmen, Rauchen einzustellen, weniger dies und weniger das zu konsumieren. Diese Vorsätze tragen die meisten eine Zeit lang mit sich herum, bis sie im Alltagstrubel untergehen oder bewusst über Bord geschmissen werden.

In diesem Jahr ist mir ein für mich neuer Trend aufgefallen. In Radiosendungen oder Talkrunden im Fernsehen eiferten Menschen um die Wette, wer am schnellsten seine guten Vorsätze aufgegeben hätte. Launige Geschichten wurden zum Besten gegeben. Wenn der Einzelne schon nicht an sich und seine Fähigkeit glaubt, einen Vorsatz durchzuhalten, dann kann man von Ernsthaftigkeit nicht sprechen.

Inhaltlich anspruchsvollere Themen werden sowieso weniger in den Blick genommen. Zum Beispiel: Mit seinem Nächsten netter umzugehen. Auf seinen Nachbarn besser zu achten. Anderen Menschen in Notlagen beizustehen. Aber vielleicht ist das zu viel verlangt. Die Welt zu verbessern, ist ein schwieriges Unterfangen. Auch wenn man sich im Klaren darüber ist, dass es funktionieren kann, wenn jeder an seinem Ort und nach seinen Möglichkeiten danach lebt und handelt.

Man sollte vielleicht doch eher bei sich selber anfangen. Im Doppelgebot der Liebe sagt Jesus: Liebe deinen Herrn und Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Bei so manchem haperts doch schon an der Selbstliebe. Hand aufs Herz: Wer ertappt sich nicht manchmal bei dem Gedanken, dass alles immer schlimmer wird. Dass das Leben nur aus Müh‘ und Plage besteht.

Da hat mir ein Gedanke gefallen, den die Pfarrerin am Altjahresabend ihrer Gemeinde mitgab. Ich weiß nicht, ob es ihre eigene Idee ist, oder ob sie sie von woanders her hatte. Aber sie hat mir gut gefallen: Jedes schöne Ereignis – ob klein oder groß – wird mit Stichworten und Datum auf einen kleinen Zettel geschrieben. Egal wann und wo es passiert. Man schreibt es schnell auf, oder abends zuhause. Dann legt man diese Zettel in eine Schachtel oder ein Schraubglas. Am Ende des Jahres liest man sich diese Notizen durch und wird sehen, so schlecht war das Jahr nicht! Und man weiß, es lohnt sich so weiterzumachen fürs neue Jahr! 

                                 Martin Bek-Baier

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 27. Januar 2019:

- KZ-Gedenkstätten ziehen mehr Besucher an

- Jüdisches Leben in Zeiten von Trump: Sind die USA noch ein sicherer Hafen?

- Was Papierfetzen verraten: In Veitshöchheim werden seit 20 Jahren Ablagen aus Synagogen erforscht

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet